Bergschermaus - Arvicola scherman

Name: Arvicola scherman (Shaw, 1801) veraltet: A. terrestris scherman, A. amphibius scherman; Bergschermaus, Terrestrische Schermaus (D); Montane water vole (E)
Internationaler Schutz:  international nicht geschützt
Größe: Kopf-Rumpf: 135165 mm; Hinterfuß: 2227 mm; Schwanz: 5570 mm, Gewicht: 65130g [2]
Fell: Die Fellfärbung varriert stark und reicht von sandfarben, hell gelbbraun über graubraun bis dunkelgrau und schwarz, der hellere Bauch ist grau bis gelbgrau, die Grenze zwischen Ober- und Unterseite verläuft fließend [5]
Ohren: Ohren im Fell verborgen [4]
Schwanz: Für Wühlmäuse verhältnismäßig lang (50 % der Körperlänge) und kurz behaart [5]
Verbreitung: Im Gebirge und Mittelgebirgslagen Zentraleuropas [3]; Österreich: Abgrenzung zur Wasserschermaus unklar; Deuschland: West- und Süddeutschland [5]; Schweiz: Alpennordseite [2]
; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Ihre Höhenverbreitung erstreckt sich bis 2.400 m Höhe [4], wobei sie vorwiegend in der montanen Höhenstufen anzutreffen ist [5].
Lebensraum: vorwiegend terrestrisch, selten aquatisch [5], Wiesen und Gärten mit tiefgründigen Böden [2]; Reviergröße: 100200 m² [4]; Populationsdichte:  zyklische Massenvermehrungen möglich [4]
Lebenserwartung: 1-2 Jahre [5], in Gefangenschaft 3 Jahre [3]
Ähnliche Arten: Nach dem eingeschleppten Bisam (Ondatra zibethicus) sind Schermäuse die größten bei uns vorkommenden Wühlmäuse [1], adulte Tiere können daher gut erkannt werden. Eine Unterscheidung mit der Wasserschermaus (Arvicola amphibius) anhand von morphologischen Merkmalen ist nicht möglich, tendenziell ist die Bergschermaus kleiner und besitzt einen größeren Krümmungsradius der Schneidezähne, diese sind mehr nach vorne gerichtet (proodont) [5] >Bestimmungsschlüssel<
Im Gegensatz zu Maulwurfshügeln liegen die Eingänge bei Schermaushügeln immer seitlich [5]
Sytematik: Ordnung: Nagetiere (Rodentia) → Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha) → Überfamilie: Mäuseartige (Muroirdea) → Familie: Hamster- und Wühlmausartige (Cricetidae) → Unterfamilie: Wühlmäuse und Lemminge (Arvicolinae) → Gattung Schermäuse (Arvicola)

Systematik

Schermäuse wurden früher taxonomisch als eine Art unter den Namen A. terrestris geführt. Aufgrund von Unterschieden in ihrer Morphologie und Lebensweise wurden bereits damals 2 unterschiedliche ökologisch Formen beschrieben: eine am Land lebende, grabende Form A. terrestris scherman und eine am Wasser lebende Form A. terrestris amphibius [1,2,6]. Nach genetischen Untersuchungen werden heute nach Wilson und Reeder (2005) beide als eigene Art angesehen: Die hier vorgestellte Bergschermaus A. scherman (Shaw, 1801) und die Wasserschermaus A. amphibius (Linnaeus, 1758) [6].

Lebensraum

Die Bergschermaus lebt vorwiegend terrestrisch [3] in Wiesen, Weiden und Gärten [5]. Sie bevorzugt permanente Grünflächen mit tiefgründigen und steinlosen Böden, wie sie meist in Obstgärten zu finden sind. In der Agrarlandschaft kann sie auf Flächen mit Gemüseanbau angetroffen werden, intensiv genutzte Äcker meidet sie [2]. Hier stellen Straßengräben und Feldraine wichtige Rückzugsräume dar. Wie die Wasserschermaus zeigt sie eine Präferenz zu feuchten Habitaten und bewohnt gelegentlich Gewässerufer [5].

Lebensweise

Aktivität und Fortbewegung: Bergschermäuse sind sowohl tag- als auch nachtaktiv und zeigen einen zirkadianen Rhythmus mit 6 Ruhe- und Aktivitätsphasen innerhalb von 24 Stunden. Ihre Wachphasen dauern im Sommer mit 12 Stunden doppelt so lange als wie im Winter [4]. Die grabende Schermaus lebt fast ausschließlich im Boden und erscheint selten an der Erdoberfläche. So kann sie oft nur beim Aufsuchen neuer Reviere oder bei der Reparatur eines offenen Ganges beobachtet werden [2]. Sie ist kleiner als die Wasserschermaus, wobei die Verringerung der Körpergröße zusammen mit einer Verkürzung der Extremitäten und der Ausbildung eines breiteren Schädels eine Anpassung an das Leben unter der Erde darstellt [1]. Beobachtungen zeigen, dass Bergschermäuse gute Taucher und Schwimmer sind [3].

Territoriales Verhalten und Revier: Das gemeinsame Territorium eines monogam lebenden Pärchens mit seinen Jungen wird gegenüber Artgenossen verteidigt [3]. Zur Markierung wird ein Sekret verwendet, welches beim Putzen an die Hinterbeine gelangt und von dort durch Trommeln mit den Hinterfüßen am Boden haftet [1]. Gelegentlich kann das Territorium eines Männchens auch im Gebiet mehrerer Weibchen liegen, was vor allem bei hohen Populationsdichten zu komplexen sozialen Strukturen führt [3]. An der Oberfläche misst ihr Revier zwischen 100 und 200 m², wobei das der Männchen in der Regel größer ist als das der Weibchen. Im Sommer wandern die Jungtiere über weite Distanzen ab. Bei hohen Populationsdichten werden dabei Barrieren überwunden und neue Gebiete besiedelt. Eine zweite Dispersion im Herbst zu ihren Winterquartieren wird meist von landwirtschaftlichen Aktivitäten in der Umgebung ausgelöst. Ansonsten legen Schermäuse nur kleine Strecken von 30 - 60 Meter zurück. Im Allgemeinen wandern Männchen häufiger und weiter als ihre weiblichen Artgenossen [4].

Bau: Im Gegensatz zum Maulwurf lockert die Bergschermaus die Erde mit ihren Zähnen. Gelockertes Material scharrt sie mit den Vorderpfoten nach hinten und schiebt es mit dem Kopf zum Ausgang. Durch diese Technik werden die Erdhaufen von Schermäusen flacher als die hoch aufgetürmten Maulwurfshügel und der Eingang befindet sich seitlich und nicht in der Mitte. Im Umkreis kann die Vegetation aufgrund des Wurzelfraßes Kahlstellen aufweisen. Gelegentlich nutzt die Bergschermaus auch bereits bestehende Maulwurfsbaue [1]. Ihre eigenen Baue sind tiefreichend und mit einer Gesamtlänge von 10 - 90 m (meist 50 m) ausgedehnt [4]. Ihr Bau besteht aus mehreren Vorratskammern, einer Nesthöhle und einer Latrine [5]. Die Kammern sind mit Laufwegen zur Nahrungssuche und tief liegenden (bis zu 1 Meter, meist 40 cm), kurzen Gängen verbunden [4]. Ein beschädigter Tunnel wird innerhalb von etwa 2 - 6 Stunden repariert, indem sie die Öffnung mit einem großen Erdklumpen verschließt [5]. In Bergregionen legt sie ihre Baue häufig oberflächennah an, da hier im Winter der Schnee für zusätzliche Wärmeisolation sorgt. Zur Jungenaufzucht befinden sich in ihrem Bau 1 - 2 runde, 15 cm breite Nester [4]. Nur bei hoher Vegetation ist die Bergschermaus auch an der Oberfläche anzutreffen, wo Fraßplätze und Wechsel Zeugen ihrer Anwesenheit sind [5].

Fortpflanzung und Population

Die Fortpflanzungszeit der Bergschermaus dauert von März bis Oktober/November. In milden Wintern kann auch eine Wintervermehrung beobachtet werden [4]. Ein hohes Angebot an Pflanzen mit hohem Wassergehalt beeinflusst die Reproduktion von Schermäusen positiv. Mit Hilfe eines Sekrets der Flankendrüsen finden sich paarungsbereite Individuen. Die Weibchen werden mit anderthalb bis 2 Monaten geschlechtsreif und bringen pro Jahr in 4 - 5 Würfen von März bis Oktober insgesamt 20 - 28 Jungtiere zur Welt. Nach einer Tragzeit von 20 - 23 Tagen werden in der Regel 1 - 14 Jungtiere (meist 5 - 6) geboren. Die Männchen helfen bei der Aufzucht der Jungtiere. Die Nesthocker öffnen nach dem 9. Tag die Augen, nach 2 Wochen nehmen sie feste Nahrung zu sich und nach 3 Wochen sind sie selbstständig [1].
Da junge Bergschermäuse bereits im Alter von 6 - 8 Wochen geschlechtsreif sind und eine Schermaus pro Jahr 2 - 5 Mal Jungtiere zur Welt bringt, besitzen die Tiere eine hohe Reproduktionsrate [5]. So neigen sie insbesondere im Kulturland alle 5 - 8 Jahre zu zyklischen Massenvermehrungen mit Populationsdichten von bis zu 1.000 Individuen pro Hektar [4].

Nahrung

Die Bergschermaus besitzt einen hohen Stoffwechsel und hat daher nicht nur einen hohen Wasserbedarf, sondern muss pro Tag bis zu 100 % ihres eigenen Körpergewichts in Form von Nahrung zu sich nehmen [4]. Die Bergschermaus ernährt sich vorwiegend von unterirdischen Pflanzenteilen wie Wurzeln, Knollen und Blumenzwiebeln [5], welche vom Gang ausgehend nach unten gezogen werden. Nur bei ausreichender Deckung haben Bergschermäuse Fraßplätze an der Oberfläche. Die Nahrung sammelt sie in eigenen Kammern, welche sich in der Nähe des Nests befinden. Die Größe der Vorratskammern variiert: Sie erreichen manchmal ein Volumen von bis zu 10 Litern und können mehr als 30 verschiedene Pflanzenarten beinhalten. Bei allgemein hohen Populationsdichten ist sie auch auf bewirtschafteten Flächen zu finden, wo sie sich von Feldfrüchten (vorwiegend Karotten, Rüben und Lauch) oder in Obstgärten von den Wurzeln der Bäume ernährt [4].

Konkurrenz und Feinde

Ihren Lebensraum teilt die Schermaus häufig mit den kleineren Feldmäusen (Microtus arvalis) und Erdmäusen (M. agrestis). Bei hohen Populationsdichten dieser beiden Wühlmausarten ist von einer Konkurrenzsituation auszugehen. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Nahrungsansprüchen dürfte die Konkurrenz mit dem Maulwurf (Talpa europaea) gering sein.
Der größte Feind der Bergschermaus ist das Hermelin (Mustela erminea), welches in die Gänge der Tiere eindringt [2]. Daneben wird sie häufig von Taggreifvögel, Eulen (Strigiformes), Mauswiesel (Mustela nivalis), Fuchs (Vulpes vulpes) und Hauskatze (Felis silvestris) erbeutet [5].

Gefährdung und Schutz

Mit dem Schwinden von permanenten Wiesen wird ihr Vorkommen in niederen Lagen stark eingeschränkt [2] und die Populationsdichten nehmen durch zunehmende Beweidung, Mahd und größere Bodenbearbeitungshäufigkeit und -tiefe ab [1]. In der Agrarlandschaft werden Bergschermäuse gezielt bekämpft. Mit Hilfe von ökologischen Maßnahmen, wie der Erhöhung der Struktur- und Artenvielfalt, können Schäden von Wühlmäusen im Kulturland meist erfolgreich verhindert werden [4].

[1] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie Reihe: Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[2] Meylan, A., & Saucy, F. (1995): Arvicola terrestris (L.,1758). In Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie. Hrsg.: J. Hausser, Band 103, S. 303-313. Birkäuser Verlag, Basel.
[3] Grimmberger, E., & Rudloff, K. (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlags GmbH, Münster.
[4] Quéré, J. P., & Le Louarn, H. (2011): Les rongeurs de France: Faunistique et biologie. Editions Quae: Versailles.
[5] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[6] Wilson, D. E., & Reeder, D. M. (2005): Mammal species of the world - A taxonomic and geographic reference: Order Rodentia (3.Auflage). Johns Hopkins University Press, Baltimore.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Apr. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Bergschermaus - Arvicola scherman. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.