Besonderheiten - Echte Mäuse und Ratten

Singende Mäuse

Hausmaus

Männliche Mäuse werben mit Balzgesängen um die Gunst der Weibchen. Das für lange Zeit bei Hausmäusen (Mus musculus) nur als Zwitschern zur Kenntnis genommene Paarungsritual findet im Ultraschallbereich statt und wird daher vom menschlichen Gehör nicht wahrgenommen. Spektrographische Analysen offenbarten, dass es sich um komplexe Lieder handelt, welche Vogelgesängen ähneln. Eingeleitet wird das Singen durch den Duft eines Weibchen (Bsp. Urinmarkierung). Um Inzucht zu vermeiden, erkennen weibliche Tiere am Gesang, ob es sich bei dem Sänger um ein verwandtes oder ein fremdes Männchen handelt. Die Balzlieder unterscheiden sich und können individuell zugeordnet werden. Wilde Mäuse verwenden zudem mehrsilbige Töne in einem höheren Frequenzbereich als Labortiere (mehr Info). Auch bei anderen Mäusearten spielt die akustische Lautäußerung eine entscheidende Rolle bei der Fortpflanzung. So sind bei der Braunmaus (Scotinomys teguina) in Amerika gute Sänger bei den Weibchen begehrter. Anspruchsvolle Balzgesänge erfordern ein perfektes Zusammenspiel von Nervensystem, neuromuskulärem System und Herz-Kreislauf-System und kennzeichnen somit gesunde Tiere (mehr Info). Einige der im Rahmen dieser Forschung entstandenen Videos können auf YouTube angesehen werden: Vocal Rodents.

Ratten als Spürhunde für Minen und Tuberkulose

Ihre rasche Lernfähigkeit und ihr ausgezeichneter Geruchsinn machen Riesenhamsterratten zu wichtigen Helfern bei der Suche von Landminen und zur Tuberkulose-Schnellerkennung. APOPO bildet diese sogenannten »HeroRats« in Morogoro aus, von wo sie weltweit eingesetzt werden. Minenspürratten reisen nach bestandener Prüfung, welche von den International Mine Action Standards (IMAS) vorgegeben wird, mit ihren Ausbildern in Nachkriegsländern, um dort Flächen von Minen zu räumen. In Mosambik spürten die Ratten 2.406 Landminen, 13.025 Handfeuerwaffen und Munition sowie 992 Bomben auf und machten auf diese Weise 6.423.361 m² Land wieder nutzbar. TBC-Ratten können in nur 10 Minuten anhand einer Speichelprobe Tuberkolose erkennen. In Maputo werden von 8 akkreditierten TBC-Spürratten pro Woche 6.076 Proben analysiert. Mehr Informationen zu den Hero Rats und wie sie mit Adopt-A-Rat das Projekt unterstützen können, finden sie auf APOPO.

Rattenkönig

Rattenkönig (UB Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A IV 88x, ca. 1683)

Bei einem »Rattenkönig« handelt es sich um Tiere, deren Schwänze miteinander verknotet sind. Dieses seltsame Phänomen ist noch nicht zur Gänze geklärt. Es wird vermutet, dass sich die Nager ein gemeinsames Nest teilten und dabei spielerisch oder ungewollt beim Putzen und Schlafen ihre Schwänze ineinander legten, welche sich in Folge festzogen und Konten bildeten. Am bekanntesten ist dieses Phänomen bei Hausratten (Rattus rattus), aber auch bei Wanderratten (Rattus norvegicus), Hausmäusen (Mus musculus), Waldmäusen (Apodemus sylvaticus) und anderen langschwänzigen Nagetieren konnte diese Kuriosität bereits beobachtet werden. Die Erscheinung galt lange Zeit als Legende. Im Mittelalter war der Besitz eines Rattenkönigs gefährlich, da dieser mit Hexerei in Verbindung stand und folglich am Scheiterhaufen endete. Auch Hausmäuse wurden der Zauberei verdächtigt. So wurde angenommen, dass die Tiere Blitz, Hagel und weitere Artgenossen als "Plagegeister" herzaubern konnten.

Wegmarkierungen als Navigationshilfe

Eine Untersuchung zeigte, dass Waldmäuse (Apodemus sylvaticus) kleine Objekte wie Blätter oder Zweige als Ortsmarkierungen verwenden. In einem Experiment entfernten Forscher diese und ersetzten sie durch Plastikscheiben. Infolge wurden die neuen Gegenstände von den Mäusen als Erkennungszeichen verwendet. Verschiedene Versuchsanordnungen dokumentieren einen direkten Zusammenhang zwischen den gesetzten Orientierungshilfen und der Navigation der Waldmaus. Im Gegensatz zu Duftspuren besitzen Wegmarkierungen den Vorteil, von Fressfeinden nicht entdeckt zu werden. Das Verhalten gilt unter den Säugetieren als einzigartig (mehr Info).

Maus und Ratte im Sprachgebrauch

Der Löwe und das Mäuschen

Aufgrund ihrer Nähe zum Menschen finden sich Mäuse in vielen Redewendungen wieder. So auch im Sprichwort »da beißt die Maus keinen Faden ab«. Eine mögliche Deutung über die Herkunft dieses Spruchs ist die Fabel »Der Löwe und das Mäuschen« des griechischen Dichters Aesops aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Die Geschichte erzählt von einem Löwen, der einst das Leben einer Maus verschonte, welche ihm im Gegenzug aus einem Netz befreite. Hätte die Maus den Netzfaden nicht abgebissen, wäre der Löwe unausweichlich in Gefangenschaft geblieben. Ein weiteres Sprichwort heißt »arm wie eine Kirchenmaus«. Dieser Ausdruck bezieht sich auf Mäuse, die in Kirchen hausten. Da sie hier meist keine Vorratslager vorfanden und auch sonst alles Nahrhafte verschlossen war, bezeichnete man die Tiere als arme Mäuse. Dass Mäuse in Kirchen lebten, zeigt die Überlieferung von Mäusen in einer Orgel in einer Kirche im Salzburger Oberndorf. Da der weihnachtliche Gottesdienst infolge ohne Instrument auskommen musste, wurde ein neuer Liedtext mit passender Gitarrenbegleitung verfasst. In den folgenden Jahren wurde das Lied als »Stille Nacht, Heilige Nacht« weltberühmt!

[1] Quéré, J. P., & Le Louarn, H. (2011): Les rongeurs de France: Faunistique et biologie. Editions Quae, Versailles.
[2] Wilhelm, P., & Dieterlen, F. (2005): Hausratte (Rattus rattus) (Linnaeus, 1758). In Die Säugetiere Baden-Württembergs. Hrsg.: Braun, M., and Dieterlen, F., S. 251-260. Ulmer: Stuttgart.
[3] Gerlach, G. (2005): Hausmaus Mus musculus domesticus Rutty 1772. In: Die Säugetiere Baden-Württembergs  (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). 244-250. Ulmer, Stuttgart.
[4] Stopka, P., & Macdonald, D. W. (2003): Way-marking behaviour: an aid to spatial navigation in the wood mouse (Apodemus sylvaticus). BMC Ecology, 3-9. Online als pdf
[5] Dieterlen, F. (2005): Ordnung Nagetiere (Rodentia). In: Die Säugetiere Baden-Württembergs  (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). 143-152. Ulmer, Stuttgart.
[6] Kube S. (2011): Wie kommt die Katze in den Sack und was weiß der Kuckuck davon? Tierische Redewendungen und ihre Bedeutung. Heyne Verlag.
[7] Hoffmann, F., Musolf, K., & penn, D. J. (2012): Spectrographic analyses reveal signals of individuality and kinship in the ultrasonic courtship vocalizations of wild house mice. Physiology & behavior, 105, 766-771.
[8] Hoffmann, F., Musolf, K., & penn, D. J. (2012): Ultrasonic courtship vocalizations in wild house mice: spectrographic analyses. Journal of ethology, 30, 173-180.