Besonderheiten - Spitzmäuse

Geschichtliche Beziehung zwischen Spitzmaus und Mensch

Topsell's The History of Four-footed Beasts and Serpents Woodcuts

Die erste Beschreibung der Waldspitzmaus ist im Buch »History of Four-footed Beasts« zu finden und stammt vom Naturforscher Edward Topsell: „It is a ravening beast, feigning itself gentle and tame, but being touched it biteth deep, and poisoneth deadly. It beareth a cruel mind, desiring to hurt anything, neither is there any creature it loveth.“ („Sie ist ein gieriges Tier, gibt sich sanft und zahm, beißt aber bei Berührung zu und überträgt tödliches Gift. Sie ist von grausamen Geist, will alles verletzen und mag kein anderes Geschöpf“). Auch die Bedeutung ihres Namens lässt auf eine verachtende Einstellung gegenüber Spitzmäusen schließen. In einigen europäischen Sprachen tragen sie niederträchtige Bezeichnungen. So ist ihr englischer Name „Shrew“, welcher von „shrewed“, „shrewish“ und „shrew“ zur Beschreibung von gerissenen, mürrischen oder schurkischen Menschen gebräuchlich war, wenig schmeichelhaft. Sie galt aber auch als nützliches Wesen, dass verbrannt, pulverisiert und mit Gänsefett gegen Geschwulste half und als Talisman zur Vertreibung weiterer Artgenossen und „anderem Übel“ Verwendung fand. In Ägypten galten Spitzmäuse hingegen als heilig. Die Arten Crocidura olivieri und C. religiosa wurden mumifiziert und vermutlich als Gottheiten verehrt.

Adolf Hitler gegen neuen wissenschaftlichen Namen „Spitzer“

Da der Name Spitzmaus aus systematischen Gründen irreführend ist, gab es Bestrebungen diesen zu ändern. Für Aufsehen sorgte dabei ein Bericht der Berliner Morgenpost vom 3. März 1942 über die Deutschen Gesellschaft für Zoologie mit der Verlautbarung, dass die Namen „Spitzmaus“ und „Fledermaus“ abzuändern sein in „Spitzer“ und „Fleder“ (altes Wort für Flatterer). Adolf Hitler zeigte jedoch nur wenig Verständnis und ließ mit Deutlichkeit mitteilen „die Umbenennungen seien umgehend rückgängig zu machen. Wenn die Mitglieder der Gesellschaft für Säugetierkunde nichts Kriegswichtigeres und Klügeres zu tun hätten, dann könne man sie vielleicht einmal längere Zeit in Baubataillonen an der russischen Front verwenden. Wenn derartig blödsinnige Umbenennungen noch einmal erfolgten, würde der Führer unbedingt zu entsprechenden Maßnahmen greifen; keinesfalls sollte man Bezeichnungen, die sich im Laufe vieler Jahre eingebürgert hätten, in dieser Weise abändern« (mehr Informationen zu Berlin und die deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde von R. Hutterer)

Warum Katzen keine Spitzmäuse fressen…

Eine Katze auf der Lauer

Vermutlich empfinden Katzen den moschusartigen Geruch und strengen Geschmack, der von den Sekreten der Seitendrüsen ausgeht, als unangenehm, sodass sie die Tiere zwar jagen aber nicht fressen. Besonders häufig können tote Waldspitzmäuse (Sorex araneus) beobachtet werden. Hausspitzmäuse (Crocidura russula), Gartenspitzmäuse (C. suaveolens) und Feldspitzmäuse (C. leucodon) sind aufgrund ihrer Siedlungsnähe vielerorts Beutetiere von Katzen. In Großbritannien machte die Mammal Society aus der Not eine Tugend und startete einen Aufruf die mit heimgebrachten Kleinsäuger zu melden. Die Ergebnisse des Projekts wurden in diesem Bericht veröffentlicht. Wenn sie auch nicht wollen, dass der Tod des kleinen Säugers umsonst war, melden sie uns ihren Fund! Hilfe zur Bestimmung finden sie auf den entsprechenden Artseiten und Bestimmungsschlüsseln. Am besten ergänzen sie ihren Fund durch ein Foto der charakteristischen Merkmale. Sollten sie in der Nähe von Salzburg wohnen und bereits mehrere Kleinsäuger gesammelt haben, können sie uns gerne kontaktieren. Wir werden die Tiere für sie fachgerecht bestimmen und sie über die Jagderfolge ihrer Katze informieren.

Spitzmauskarawanen

Vor allem im Frühjahr können aufmerksame Wanderer Erstaunliches beobachten: Eine große Maus marschiert voraus, dicht gefolgt von kleineren Mäusen, welche sich in das Fell der Schwanzwurzel des vorangegangenen Tieres verbeißen. Bei dieser Marschreihe handelt es sich um ein Muttertier, welches entweder entlaufene Jungtiere zurück ins Nest holt oder mit ihnen in ein neues Quartier umzieht. Das Weibchen animiert ihren Nachwuchs zur Karawanenbildung, indem es über das Jungtier läuft und vor diesem stehen bleibt. Funktioniert dies nicht, wiederholt sie ihr vorgehen mehrmals. Die Bildung von „Beißkarawanen“ kann je nach Art ca. vom 7. bis zum 18. Lebenstag beobachtet werden, danach lösen sie sich auf und man spricht von sogenannten „Tastkarawanen“. Bei unseren heimischen Kleinsäugern ist dieses Verhalten vorwiegend von Weißzahnspitzmäusen (Feldspitzmaus Crocidura leucodon; Gartenspitzmaus Crocidura suaveolens und Hausspitzmaus Crocidura russula) bekannt. Einzelbeobachtung lassen aber auch ähnliches für die Waldspitzmaus (Sorex araneus) vermuten.

Tauchanzug für schwimmende Spitzmäuse

Wasserspitzmaus mit trockenem Fell nach ihrem Tauchgang.

Wasserspitzmäuse (Neomys fodiens) und Sumpfspitzmäuse (N. anomalus) sind hervorragend an kleinere Tauchgänge im Wasser angepasst: Eine elektrostatische Aufladung des Fells, welche durch aktives Reiben an der Vegetation vor jedem Tauchgang entsteht, bietet ihr Schutz. Für zusätzlichen Komfort sorgt ein Luftfilm zwischen Haut und Fell. Ein H-förmiger Querschnitt und eine feine Zähnung der Haare machen dies möglich. Somit bleibt die Spitzmaus nicht nur trocken, sondern wird durch eine Isolationsschicht vor Auskühlung geschützt.

Die einzigen europäischen Säugetiere mit Giftdrüsen

Wasserspitzmäuse (Neomys fodiens) und Sumpfspitzmäuse (N. anomalus) sind die einzigen europäischen Säugetiere, welche Giftdrüsen besitzen. Das Gift stammt aus Unterkieferspeicheldrüsen, die über Kanäle mit den Schneidezähnen in Verbindung stehen. Ein Biss kann selbst größere Beutetiere wie Frösche, Nager oder Fische lähmen. Für den Menschen stellt das Gift keine Gefahr dar und führt im schlimmsten Fall zu einem Hautausschlag.

Fressen, fressen, fressen…

Waldspitzmaus auf Nahrungssuche

Viele Spitzmausarten müssen alle 2 bis 3 Stunden Nahrung zu sich nehmen, um nicht zu verhungern. Tag und Nacht durchstöbern sie die Laubstreu, unterirdische Tunnel und verharren nur, um mit ihren Rüssel Nahrungstiere zu wittern. Nach 30 bis 120 Minuten rasten sie bis zur nächsten Jagd. Aber warum müssen Spitzmäuse ständig fressen? Die Größe eines Säugetieres hat maßgeblichen Einfluss auf dessen Physiologie. So steigt die Stoffwechselintensität mit abnehmender Körpermasse stark an. Als kleinste Vertreter der Säugetiere Europas haben Spitzmäuse somit auch die höchste Stoffwechselrate. Zudem ist ihr Verhältnis zwischen Körperoberfläche und -volumen ungünstig, sodass die Tiere leicht an Unterkühlung sterben. Als Ausgleich können sie Wärme produzieren, was aber ihren Stoffwechsel zusätzlich negativ beeinflusst. Innerhalb der Familie der Spitzmäuse (Soricidae) haben Rotzahnspitzmäuse (Soricinae) einen höheren Stoffwechsel als Weißzahnspitzmäuse (Crocidurinae). Viele Weißzahnspitzmausarten wie die Gartenspitzmaus (Crucidura russula) und die Hausspitzmaus (C. suaveolens) sind daher in der Lage bei Nahrungsmangel für einige Stunden in Lethargie (Torpor) zu fallen. Dabei kommt es zur geregelten Absenkung von Körpertemperatur, Herzfrequenz und Atmung bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Ihre Körpertemperatur erreicht Tiefstwerte von 18 °C, kann aber innerhalb weniger Minuten wieder auf ihren Normalwert von 38 °C ansteigen. Rotzahnspitzmäusen gelingt dies aufgrund ihres zu hohen Stoffwechsels nicht. Sie entwickelten andere physiologische Anpassungen, um mit Kälte und Nahrungsmangel zu Recht zu kommen: Bei fast allen inneren Organen verringert sich die Masse, sodass das gleich große Herz leistungsfähiger wird.

Enddarmlecken

Besonders häufig kann diese Eigenart bei der Waldspitzmaus (Sorex araneus) beobachtet werden. Die Tiere rollen sich zusammen und nehmen eine eigenwillige Position ein, indem sie sich mit den Vorderpfoten an den Hinterbeinen halten. Infolge stülpt sie das Rektum durch Kontraktionen des Hinterleibes nach außen und beleckt es für einige Minuten. Da bei getöteten Tieren die ersten Zentimeter des Magens und des Dünndarms mit einer milchigen Flüssigkeit aus Fettkügelchen und unverdautem Futter gefüllt sind, wird angenommen, dass dieses Enddarmlecken der Aufnahme von Spurenelementen und Vitaminen (B und K) dient.

[1] Carter, P., & Churchfield, S. (2006): The water shrew handbook. The Mammal Society, London.
[2] Churchfield, S. (1988): Shrews of the British Isles. Reihe: Shire Natural History (Hrsg. Flegg, J. und Humphries C.). Shire Publications, Princes Risborough.
[3] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie. Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[4] Nagel, A., & Nagel, R. (2005): Feldspitzmaus Crocidura leucodon (Hermann, 1780). In: Die Säugetiere Baden-Württembergs  (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). 90-96. Ulmer, Stuttgart.
[5] Macdonald, D. (2004): Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Könemann (Tandem Verlag), Königswinter.
[6] Müller, J. P., Jenny, H., Lutz, M., Mühlethaler, E., & Briner, T. (2010): Die Säugetiere Graubündens: Eine Übersicht. Sammlung Bündner Naturmuseum und Desertina Verlag, Chur.
[7] Stehr, H. (1987): Nagetiere und Insektenfresser (Band 5). Die Tiere unserer Welt. Equinox-Buch, Oxford.