Feldspitzmaus - Crocidura leucodon

Name: Crocidura leucodon (Hermann, 1780); Feldspitzmaus (D); Bi-colored white-toothed shrew (E)
Internationaler Schutz: Berner Konvention (Anhang III)
Größe: Kopf-Rumpf: 54–90 mm; Hinterfuß: 11–14 mm; Schwanz: 28–40 mm; Gewicht: 7–15 g [4].
Fell: Rücken: graubraun bis grauschwarz mit metallischem Glanz der Haarspitzen; Bauch: weiß; Ober- und Unterseite scharf abgegrenzt [4]; Junge und adulte Tiere gleich gefärbt [8].
Ohren: Ohren groß und deutlich sichtbar aus dem Fell ragend [4].
Schwanz: Scharf getrennt: oben dunkel und unten hell; wenig abstehende Wimpernhaare; Unterseite abgeflacht; immer kürzer als die halbe Kopf-Rumpflänge [4].
Verbreitung: Europa und Westasien [9]; Österreich: mit Ausnahme Tirols in allen Bundesländern [11,13]; Deutschland: Fehlt nur im Nordwesten und Nordosten [2]; Schweiz: Ostschweiz und südlich der Alpen [1]; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Höhenverbreitung: In Österreich unter 700 m, in anderen Alpenländer oft bis 1.100 m in Bulgarien 1.500 m [7].
Lebensraum: Sie ist an kontinentales Steppenklima mit offener, waldloser Vegetation angepasst [10] und besiedelt offene Kulturlandschaften. Besonders im Winter in Siedlungsnähe [4].
Lebenserwartung: Vermutlich ähnlich der Hausspitzmaus (Crocidura russula) [8], in Gefangenschaft betrug das Höchstalter 3 Jahre und 10 Monate [13].
Ähnliche Arten: Die Feldspitzmaus kann anhand ihrer Färbung gut von Haus- und Gartenspitzmaus (Crocidura suaveolens) unterschieden werden [2].
Systematik: Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha) → Familie: Spitzmäuse (Soricidae) → Unterfamilie: Weißzahnspitzmäuse (Crocidurinae) → Gattung: Weißzahnspitzmäuse (Crocidura)

Die Feldspitzmaus ist an kontinentales Steppenklima mit offener, waldloser Vegetation angepasst [10] und bewohnt in unserer Kulturlandschaft Wiesen, Felder, Trockenrasen, Bahndämme, Sand- und Kiesgruben, Ruderalflure, Straßenböschungen, Hecken und Gärten. Vor allem im Winter ist sie auch in besiedelten Gebieten zu finden, wo sie in Gebäuden eindringt. Über die Biologie der Feldspitzmaus ist nur wenig bekannt. Es wird angenommen, dass diese der Hausspitzmaus (Crocidura russula) ähnelt [1; 8]. So kann trotz territorialem Verhalten die Nutzung eines gemeinsamen Nests beobachtet werden und eine Lethargie bei ungünstigen Bedingungen ist ebenfalls dokumentiert [8]. Wie bei den anderen heimischen Weißzahnspitzmäusen können zur Paarungszeit von April [4] bis September [2] „Mäusekarawanen“ beobachtet werden, in denen das Muttertier ihren Nachwuchs anführt und für eine sichere Fortbewegung sorgt [7]. Die Feldspitzmaus ernährt sich überwiegend von Beutetieren, welche sie an der Bodenoberfläche findet. Sie ist der Hausspitzmaus körperlich unterlegen, weswegen sie deren Vorkommensgebiete meidet [4]. Besonders für Greifvögel stellen Feldspitzmäuse eine wichtige Nahrungsgrundlage dar [12].

Lebensraum

Die Feldspitzmaus besiedelt ähnliche Lebensräume wie die Hausspitzmaus, wobei sie weniger an eine deckende Krautschicht gebunden ist und bevorzugt Gebiete mit geringer Humidität bewohnt [8]. Im Vergleich zur Gartenspitzmaus (C. suaveolens) ist sie an ein kontinentales Steppenklima mit offener, waldloser Vegetation angepasst [10], wo sie an trockenen Standorten auf Kalk- oder Sandboden mit hoher Sonneneinstrahlung zu finden ist. In Kulturlandschaften ist sie häufig in tiefen Lagen auf Wiesen, Felder, Trockenrasen, Bahndämmen, Sand- und Kiesgruben, Ruderalfluren, bei Straßenböschungen und Hecken sowie in Gärten anzutreffen [4]. Entlang von Bächen und Seen ist sie nur beim Vorhandensein von Gebüschen zu beobachten [5]. Wälder bewohnt sie ausschließlich, wenn diese licht und trocken sind. In großen, feucht-kühlen Waldgebieten fehlt sie. Die Feldspitzmaus besitzt eine enge Bindung an Siedlungsflächen. Dies zeigt sich vor allem im Winter, wo sie häufig in Gebäuden zu finden ist [4]. Sie ist dabei auch in der Lage Städte erfolgreich zu besiedeln. So konnten in München zwischen 1989 – 2001 11 Individuen in Wohn- und Bürogebäuden nachgewiesen werden. Ein Beispiel verdeutlicht ihre Anpassungsfähigkeit recht anschaulich: In einer Wohnung lebte eine Feldspitzmaus von März bis September, indem sie sich am Hundefutter bediente und Wasser aus dem Aquarium trank [6]. Für eine erfolgreiche Überwinterung benötigen die Tiere Schutz bietende Landschaftsstrukturen wie Gebäude oder Gebüsche [5]. Sie ist zudem an warmes Wetter gebunden, weswegen selbst kurzfristige Klimaschwankungen bereits eine Arealveränderung bewirken [4]. Im Vergleich zur Haus- und Gartenspitzmaus ist sie auch auf Flächen mit geringer Deckung zu finden und besiedelt selbst frisch gepflügte Felder [7]

Lebensweise

Über die Biologie der Feldspitzmaus ist nur wenig bekannt. Es wird angenommen, dass diese der Hausspitzmaus ähnelt [1; 8].

Aktivität und Fortbewegung: Feldspitzmäuse sind überwiegend nachtaktiv [4]. Nur bei erhöhtem Nahrungsbedarf, wie er bei Kälte zur Wärmeproduktion vorherrscht oder bei trächtigen Weibchen gegeben ist, können die Tiere auch am Tag beobachtet werden [13]. Wie die Hausspitzmaus kann sie vor allem im Winter in Lethargie (Torpor) fallen, um Energie zu sparen. Dabei senkt sie die Körpertemperatur auf 18 °C und passt ihren Herzschlag auf 60 Schläge in der Minute an [8]. Auf diese Weise kann sie bei einer Außentemperatur von 20°C bis zu 80 % Energie einsparen. Der Nachteil dieser physiologischen Anpassung ist ihre Bewegungseinschränkung mit völlig fehlender Fluchtreaktion. In ihrer Aufwachphase steigt die Temperatur um 0,5 °C bis 0,9 °C pro Minute an. Auch sonst besitzt sie wie alle Weißzahnspitzmäuse eine niedrige Körpertemperatur. Mit der geringen Körpertemperatur von nur 34 °C ist sie in der Lage sehr warme Lebensräume zu besiedeln, welche von anderen Spitzmausarten gemieden werden. Ihre hohe Lebenserwartung von bis zu 3 Jahren und 10 Monaten verdankt sie ebenfalls ihrem niedrigem Stoffwechselniveau [13]. Sie ist ein guter Läufer und Schwimmer [12] und ist im geringen Ausmaß fähig zu klettern und zu springen. Besonders geschickt erweist sie sich bei der Bewegung in spaltenreichen Habitaten, so kann sie in noch engere Öffnungen schlüpfen als die Hausspitzmaus [13].

Territoriales Verhalten: Feldspitzmäuse besitzen ein territoriales Verhalten [8].  So sind Drohgebärden und Bissverletzungen gegenüber Artgenossen nicht ungewöhnlich [12]. Fremde Spitzmäuse drohen einander mit aufgerissenem Maul, erhobenem Kopf und schrillen, durchdringenden kurzen Lauten. Bekannte Tiere, insbesondere Weibchen und Männchen, tolerieren sich. Bei Begegnungen zwitschern und beschnüffeln sie sich gegenseitig [13] und gelegentlich werden Nester gemeinsam genutzt [8]. Individuen erkennen sich auch noch nach mehreren Tagen der Trennung [13].

Bau: Meist verbringt die Feldspitzmaus ihre Ruhephasen zwischen loser Vegetation oder sucht trockene, geschützte Standorte wie Heuhaufen auf [12]. Sie legt nur zur Jungenaufzucht und bei Kälte ein flaches Nest in Form einer Hohlkugel mit zwei Ein- bzw. Ausgängen an. Es besteht in der Regel aus trockenen und frischen Grashalmen [13].

Kommunikation: Nach Frank F. (1954) können 8 Lauttypen unterschieden werden [3]:
1. „Ziepen“ -zitititititititi- Nestlinge
2. „Zwitschern“ -zitititititititi- Begrüßung, Verlassen des Nests, Beutefund, Männchen bei Paarung
3. Warnrufe -zitt-
4. „Schrillen“ -zitt zitt tittittitt– Drohruf, Angst
5. „Scharren“ -trrrrr trrrrr- oder -zrrrrr- Weibchen bei Paarung und Nestlinge
6. „Schnalzen“ Nestlinge
7. „Tuckern“ -tück tück tückertück- isolierte Tiere
8. „Singen“ -tji tji tji tji tji tji tji …- Paarungsbereite Weibchen

Fortpflanzung und Populationsbiologie

Die Paarungszeit der Feldspitzmaus beginnt im April [4] und dauert bis September [2], wobei Einzelbeobachtungen von einer gelegentlichen späteren Vermehrungen bis November zeugen [8]. Während der Fortpflanzungszeit kann eine Paarbildung beobachtet werden. 2 – 3 Mal im Jahr [2] werden nach einer Tragzeit von 31 – 33 Tagen 3 – 8 Jungen geboren [4]. Bereits nach wenigen Tagen verlassen die Jungen das Nest. Durch Schreie ihres Nachwuchses animiert trägt das Weibchen diese unverzüglich mit ihrem Maul wieder zurück. Nach 7 Tagen ändert sich ihr Verhalten und wie bei der Haus- und Gartenspitzmaus ist die Bildung sogenannter „Karawanen“ zu beobachten [8]. Vom Muttertier angeführt beißen sich die Jungen an der Schwanzwurzel des Vordertieres, sodass eine Art „Gänsemarsch“ entsteht [7]. Diese Art der Fortbewegung ermöglicht einen sicheren Umzug in ein neues Nest oder die Rückführung entlaufener Jungtiere [12]. Nach 18 Tagen endet diese Art der Fortbewegung [7]. Im Gegensatz zu Haus- und Gartenspitzmäusen sind Feldspitzmäuse erst im Alter von 26 Tagen entwöhnt [12] und nach 30 Tagen selbstständig [2]. Jungtiere werden noch im selben Jahr geschlechtsreif und nehmen an der Fortpflanzung teil [8]. Besonders in ihrem nördlichen und westlichen Verbreitungen treten Populationsschwankungen auf [9]

Nahrung

Die Feldspitzmaus ernährt sich überwiegend von Beutetieren an der Bodenfläche wie Regenwürmer, Schnecken, Asseln, Asseln, Spinnen, Weberknechte, Insekten und Larven [4]. In der Slowakei fraß sie vor allem Larven der Haarmücke (Bibionidae) [8]. Wenn sich ihr die Gelegenheit bietet, verzehrt sie auch junge Feldmäuse (Microtus arvalis) sowie tote Kleinsäuger [2]. In Gefangenschaft frisst sie ausschließlich nachts [8]. Vor allem bei Massenvermehrungen von Feldspitzmäusen werden viele Jungtiere dieser Art von Spitzmäusen erbeutet [13].

Konkurrenz und Feinde

Die Feldspitzmaus ist der Hausspitzmaus körperlich unterlegen, weswegen sie deren Vorkommensgebiete meidet [4].
Für Vögel, insbesondere Schleiereulen (Tyto alba), Waldkäuze (Strix aluco), Waldohreulen (Asio otus) und Steinkäuze (Athene noctua), bilden sie eine wichtige Nahrungsquelle. Säugetiere fressen vergleichsweise selten Feldspitzmäuse, wobei sie vor allem von Iltissen (Mustela) erbeuten werden [12].

[1] Genoud, M. (1995): Crocidura leucodon (Hermann, 1780). In: Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie  (Hrsg.: J. Hausser). 58-61. Birkäuser Verlag, Basel.
[2] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[3] Frank, F. (1954): Zur Jugendentwicklung der Feldspitzmaus (Crocidura leucodon Hermann, 1780). Bonner Zoologische Beiträge, 5, 173-178.
[4] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie. Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[5] Kapischke, H.-J. (2009): Feldspitzmaus Crocidura leucodon (Hermann, 1780). In: Atlas der Säugetiere Sachsens  (Hrsg.: S. Hauer, H. Ansorge & U. Zöphel). 104-106. Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden.
[6] Kraft, R. (2008): Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag, Stuttgart.
[7] Krapp, F. (1990): Crocidura leucodon (Hermann, 1780) - Feldspitzmaus. In: Handbuch der Säugetiere Europas: Insektenfresser, Herrentiere  (Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp). Band 3/1 465-484. Aula Verlag, Wiesbaden.
[8] Lugon-Moulin, N. (2003): Les musaraignes: Biologie, écologie, répartition en Suisse. Porte-Plumes Verlag, Ayer.
[9] Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnder, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thiessen, J. B. M., Vohralik, V., & Zima, J. (1999): The atlas of European Mammal. Academic Press, London.
[10] Spitzenberger, F. (1985): Die Weißzahnspitzmäuse (Crocidurinae) Österreichs, Mammalia austriaca 8 (Mammalia, Insectivora). Mitteilungen der Abteilung für Zoologie am Landesmuseum Joanneum, 35, 1-40.
[11] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 13. Austria Medien Service, Graz.
[12] Stefen, C. (2009): Feldspitzmaus Crocidura leucodon. In: Atlas der Säugetiere Thüringens  (Hrsg.: M. Görner). 98-99. Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen e. V. und Landesjagdverband Thüringen e. V., Jena.
[13] Nagel, A., & Nagel, R. (2005): Feldspitzmaus Crocidura leucodon (Hermann, 1780). In: Die Säugetiere Baden-Württembergs  (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). 90-96. Ulmer, Stuttgart.
[14] Stüber, E. (2011): Die Feldspitzmaus Crocidura leucodon (Hermann 1780), ein neues Säugetier für das Bundesland Salzburg. Mitteilungen aus dem Haus der Natur Salzburg, 19, 120-121.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Mai. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Feldspitzmaus - Crocidura leucodon. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.