Erdmaus - Microtus agrestis

Name: Microtus agrestis (Linnaeus, 1761); Erdmaus (D); Field vole (E)
Internationaler Schutz: international nicht geschützt
Größe: Kopf-Rumpf: 97111 mm; Hinterfuß: 1620 mm; Schwanz: 3042 mm; Gewicht: 2055 g [1], wobei Männchen größer und schwerer als Weibchen sind [3]
Fell: braun gefärbt, Bauchunterseite hellgrau [9], selten mit gelben Farbton [1]
Augen/Ohren: Augen liegen nahe der Nase und Ohren sind im Fell verborgen [1]
Schwanz: Länge entspricht ein Drittel der Körperlänge [1], zweifarbig [6]
Verbreitung: Paläarktische Verbreitung von Westeuropa bis zum Baikalsee in Rußland, in Europa fehlt sie in Irland und im Süden [7]. Österreich: in allen Landesteilen verbreitet, oft aber auf Kleinstandorte begrenzt, Schwerpunkt in den Ostalpen und Bömisches Massiv [8]; Deutschland: in allen Landesteilen verbreitet [9]; Schweiz: nördlich der Alpen weit verbreitet, im Mittelland einige isolierte Vorkommen [5]; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Ihre Höhenverbreitung erstreckt sich bis 2.100 m mit Schwerpunkt von der sub- bis mittelmontanen Höhenstufe [8].
Lebensraum: Feuchtwiesen mit hoher Vegetation [2]; Reviergrößen in Abhängigkeit von Geschlecht und Fortpflanzungszeit (FZ): Männchen: 600 m² (FZ: 1434 m²) und Weibchen: 480 m² (FZ: 773 m²) [4]; Bei günstigen Bedingungen 100 Individuen pro Hektar [3], bei hohen Populationsdichten bis zu 300 Individuen/Hektar [1]
Lebenserwartung: 1, selten 2 Winter [4]. Im Labor bis zu 39 Monate, im Freiland meist 15 Monate [3]
Ähnliche Arten: Die Erdmaus sieht äußerlich der Feldmaus (Microtus arvalis) ähnlich, aber das Fell ist weniger grau [1], langhaariger und weniger straff anliegend. Als gutes Merkmal gelten die weniger freistehenden Ohren und die Bedeckung der Ohrmuscheln mit langen, borstigen Haaren [2]. Zudem liegen die Augen näher bei der Nase und die Hinterfüße sind länger [1]. Die Unterscheidung zwischen juvenilen Feld- und Erdmäusen bleibt schwierig [6]. Die Sumpfmaus (M. oeconomus) ist größer, die Kurzohrmaus (M. subterraneus) kleiner [9]. >Bestimmungsschlüssel<
Sytematik: Ordnung: Nagetiere (Rodentia) → Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha) → Überfamilie: Mäuseartige (Muroirdea) → Familie: Hamster- und Wühlmausartige (Cricetidae) → Unterfamilie: Wühlmäuse und Lemminge (Arvicolinae) → Gattung Feldmäuse (Microtus) → Untergattung (Mircotus)

Die Erdmaus (Microtus agrestis) besitzt eine typische Wühlmausgestalt mit breitem Kopf, stumpfer Schnauze und kurzem Schwanz [3]. Der Geruchsinn ist für die Erdmaus zur innerartliche Verständigung und zur Feinderkennung sehr wichtig. Vokale Kommunikation ist meist auffallend, so werden Begegnungen zweier Tiere häufig durch ein Rattern begleitet [4]. Angst- und Drohrufe können als „tucktucktuck...“ ebenfalls gehört werden. Im Gegensatz zu anderen Wühlmäusen ist sie ein reiner Pflanzenfresser. Wie die Rötelmaus (Myodes glareolus) greift sie bei Nahrungsmangel auch auf Baumrinden zurück [1].

Lebensraum

Die Erdmaus ist an feuchte Gebiete mit einem Jahresniederschlag von mindestens 600 mm und einer Jahresdurchschnittstemperatur von nicht mehr als 8°C gebunden. Die Bevorzugung von nassen und kühlen Standorten hängt mit ihrem hohen Wasserbedarf (Bei 25 Grad benötigt sie fast doppelt so viel Wasser wie die Feldmaus (M. arvalis)) zusammen, welcher mit der Temperatur stark ansteigt und eine dauerhafte Besiedlung trockener Standorte unmöglich macht. Ihr Lebensraum muss außerdem eine gute Deckung der Kraut- und Strauchschicht aufweisen [1]. Typische Lebensräume sind daher ungemähte, bodenfeuchte Wiesen, Moorflächen, Auwälder, Gräben, Waldlichtungen und Kahlschläge [2]. Erd- und Feldmaus können in unmittelbarer Nachbarschaft leben, wobei die Erdmaus Standorte mit hohen Grasbeständen und die Feldmaus Wiesen mit niedriger Vegetation besiedelt [1]. Fehlt die Feldmaus, wie beispielsweise in Großbritannien, so ist die Erdmaus auch auf Flächen ohne Hochgras anzutreffen [6].

Lebensweise

Aktivität und Fortbewegung: Die Erdmaus besitzt mehrere, über den Tag verteilte  Aktivitätsphasen. Die Tiere verlassen ihre Baue sowohl am Tag als auch in der Nacht, wobei die nächtliche Aktivität stärker ausgeprägt ist und besonders die Dämmerung in der Früh und am Abend genutzt wird. Regelmäßige Ruhe- und Aktivitätsphasen bilden sich nur aus, wenn in ihrem Lebensraum reichlich Nahrung vorhanden ist [6].

Territoriales Verhalten und Revier: Die Größe der Reviere hängt vom Geschlecht (männliche Tiere besitzen größere Reviere), der sexuellen Aktivität (während der Fortpflanzungszeit ist dieses größer) und von der Populationsdichte (bei hohen Dichten sind die Reviere kleiner) ab. Überlappungen der Reviere werden nur außerhalb der Fortpflanzungszeit bei einer hohen Anzahl von Individuen beobachtet [1]. Zur Paarungszeit besitzt ein geschlechtsreifes Männchen ein Revier von rund 1434 ± 910 m² (SD) [4], welches aggressiv gegenüber Artgenossen verteidigt wird [1]. Kämpfe werden durch ruckartiges Umherlaufen, Haarsträuben, Zähnewetzen und Beißen begleitet. Bei gleich starken Tieren kommt es zu Boxkämpen. In der Regel unterwirft sich danach das unterlegene Männchen, indem es sich auf den Rücken legt [3]. Außerhalb der Fortpflanzungszeit ist das Revier mit 600 ± 447 m² (SD) jedoch kleiner [4] und auch die innerartliche Aggressivität im restlichen Jahr ist geringer [1]. Weibliche Tiere besitzen kleinere Reviere von 480 ± 357 m² (SD) bzw. zur Paarungszeit 773 ± 547 m² (SD). Während sie Junge säugen ist dieses mit 67 m² am kleinsten [4]. Die Abwanderung der Tiere ist gering und betrifft fast ausschließlich Männchen, welche doppelt so große Distanzen (60 m) wie Weibchen zurücklegen. Während adulte Erdmäuse selten (3 %) abwandern, ist dies bei Jungtieren häufiger zu beobachten und nur 20 % der Tiere erreichen die Geschlechtsreife an ihrem Geburtsort [6].

Kommunikation und Orientierung: Der Geruchsinn ist für die Erdmaus zur innerartliche Verständigung und zur Feinderkennung sehr wichtig [4]. So dient der intensive moschusartige Geruch der Männchen sehr wahrscheinlich der Geschlechterfindung und territorialen Abgrenzung [10]. Vokale Kommunikation ist meist auffallend, so werden Begegnungen zweier Tiere häufig durch ein Rattern begleitet [4]. Angst- und Drohrufe können als „tucktucktuck...“ ebenfalls gehört werden [1].

Bau: Die Erdmaus legt ihr Gangsystem je nach Bodenfeuchte teilweise unterirdisch oder bei nassen Standorten fast ausschließlich oberirdisch an. An trockenen Standorten befinden sich Gänge, Kammern und Kotablageplätze dicht an der Oberfläche oder zum Teil in der verfilzten Krautschicht. An sehr nassen Standorten baut die Erdmaus oberirdische Grasnester in Seggenbulten oder in Wurzelnischen von Gehölzen [1].

Fortpflanzung und Population

Im Alter von 50 Tagen (frühestens 40 Tagen) sind die Weibchen geschlechtsreif und paaren sich. Nach einer Tragzeit von 3 Wochen gebären sie in Abhängigkeit von Jahreszeit und Alter zwischen 2 - 8 Jungtiere, welche nach 2 Wochen selbstständig sind und von der Mutter vertrieben werden. Da eine erneute Begattung unmittelbar nach der Geburt stattfinden kann, betragen die Wurfintervalle nur 3 Wochen. Im Sommer werden von diesjährigen Weibchen bis zu 4 Generationen geboren. In milden Wintern kann es zudem zu vereinzelten Winterwürfen kommen, welche jedoch nur eine geringe Jungenzahl aufweisen. [6]. Über das Sozialverhalten der Erdmaus ist nur wenig bekannt. Es wurden verschiedene Systeme der Sozialorganisation wie Monogamie, Polygamie oder Promiskuität beobachtet. Dass sich, wie bei der Feldmaus, Weibchenverbände bilden, gilt jedoch als unwahrscheinlich [5].
Erdmäuse sind für ihre hohen Populationsdichten, welche in Ausnahmefällen bis zu 300 Individuen pro Hektar erreichen, bekannt. Diese sind jedoch meist nur von kurzer Dauer und nehmen vor allem durch Nahrungsknappheit, innerartlichen Stress, der Zunahme von Parasiten und Krankheiten sowie durch Beutegreifer wieder auf natürliche Weise ab [1]. Das Auftreten von Zyklen ist innerhalb ihres Verbreitungsgebietes sehr variabel, da ökologische Präferenzen und Geburtenraten je nach Standort verschieden sind. So können zum Beispiel hohe Dichten in Feuchtgebieten durch fehlende Ausbreitungsmöglichkeiten entstehen. Bei nicht-zyklischen Populationen werden Qualität und Quantität der Nahrungsquellen als entscheidende Faktoren für das Ausbleiben von Dichteschwankungen verantwortlich gemacht [6].

Nahrung

Die Nahrung der Erdmaus ist rein pflanzlich [1] und besteht aus grünen Teilen von Pflanzen, Setzlingen und Samen. Nur bei Nahrungsmangel nagt sie auch an Wurzeln und Rinden von jungen Nadel- und Laubbäumen (vorwiegend Buche, Eiche, Esche und Ahorn), wobei der Verzehr durch Mineralstoffmangel induziert wird. Die Zähne dringen horizontal in das Holz ein und hinterlassen charakteristische Abdrücke mit einer Breite von 0,7 - 1 mm [6]. Da sie nicht gut klettern kann, ist dieses „Ringeln“, im Gegensatz zur Rötelmaus (Myodes glareolus), nur am unteren Teil des Baumstamms zu beobachten [1].

Konkurrenz und Feinde

Erd- und Feldmaus leben häufig in unmittelbarer Nachbarschaft [1], da die Feldmaus jedoch trockene Böden bevorzugt, kommt es fast sie zu einer direkten Konkurrenz. Tritt diese dennoch ein, wird die Erdmaus meist in ungünstigere Habitate verdrängt.  Als Fressfeinde der Erdmaus gelten besonders der Waldkauz (Strix aluco), der Raufußkauz (Aegolius funereus), die Schleiereule (Tyto alba) und die Waldohreule (Asio otus). Unter den Säugetieren wird sie häufig von Fuchs (Vulpes vulpes), Hermelin (Mustela erminea), Mauswiesel  (M. nivalis) und verschiedene Marder (Martes) erbeutet [10].

Gefährdung und Schutz

Erdmäuse gelten als nicht gefährdet. Konflikte ergeben sich in Lebensräumen mit menschlicher Nutzung. Denn folgt nach einer Massenvermehrung Nahrungsknappheit, fressen die Tiere während der Wintermonate Wurzeln und Rinde junger Bäume. Wurden früher Erdmäuse daher gezielt mit Schlagfallen und Giften bekämpft, so greifen heute moderne Forstkulturen bevorzugt auf vorbeugende Maßnahmen, wie der Errichtung von Ansitzwarten für Greifvögel zurück, um hohen Populationsdichten von Beginn an entgegenzuwirken [10].

Laute der Erdmaus

[1] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie Reihe: Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[2] Kraft, R. (2008) Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag, Stuttgart.
[3] Krapp, F., & Niethammer, J. (1982): Microtus agrestis (Linnaeus, 1761) - Erdmaus. In Handbuch der Säugetiere Europas: Nagetiere II. Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp, S. Aula Verlag, Wiesbaden.
[4] Lambin, X. (2008): Field vole Microtus agrestis. In Mammals of the British Isles (4.Ausgabe). Hrsg.: S. Harris & D. W. Yalden, S. 100-107. The Mammal Society, Southampton.
[5] Meylan, A. (1995): Microtus agrestis (L., 1791). In Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie. Hrsg.: J. Hausser, Band 103, S. 334-338. Birkäuser Verlag, Basel.
[6] Quéré, J. P., & Le Louarn, H. (2011): Les rongeurs de France: Faunistique et biologie. Editions Quae: Versailles.
[7] Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnder, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thiessen, J. B. M., Vohralik, V., & Zima, J. (1999): The atlas of European Mammal. Academic Press, London.
[8] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 13. Austria Medien Service, Graz.
[9] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[10] Schlund, W. (2005): Erdmaus Microtus agrestis (Linnaeus, 1761). In: Die Säugetiere Baden-Württembergs  (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). Band 2, 312-319. Ulmer, Stuttgart.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Mai. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Erdmaus - Microtus agrestis. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.