Ährenmaus - Mus spicilegus

Name: Mus spicilegus (Petény, 1882); Ährenmaus (D); Mound-building Mouse, Steppe mouse (E)
Internationaler Schutz: international nicht geschützt
Größe: Kopf-Rumpf: 70–93 mm; Hinterfuß: 14–17,5 mm; Schwanz: 52–75 mm; Gewicht: 9–26 g [2]
Fell: Grauer bis graubrauner Rücken mit etwas dunkler Mitte, grau bis weißgrauer Bauch [2]
Augen/Ohren: Große Augen und freistehende Ohren [2]
Schwanz: ca. 80% der Körperlänge, zweifarbig [2]
Verbreitung: Europa [9] Westgrenze der Verbreitung durch Osten Österreichs (Neusiedler See, SO Niederösterreich); Südwesten und Südosten der Slowakei [3]; Ukraine, Ungarn, Teile des Balkans [2]; östlich bis Südwesten Russlands (IUCN) Österreich: Pardorfer Platte bis Seewinkel und Haidboden [8], Deutschland und Schweiz: nicht verbreitet; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Ihre Höhenverbreitung erstreckt sich vom Meeresniveau bis in 200 m Höhe [9]
Lebensraum: vorwiegend extensiv genutzte Felder und Steppen, meidet im Gegensatz zur Hausmaus (Mus musculus) den Siedlungsraum [2]; Aktivitätsradius: 150 – 260 m² [4]; Populationsdichte: 1 - 20 Ährenmaushügel pro Hektar mit jeweils 5 - 6 Ährenmäusen [9]
Ähnliche Arten: Hausmaus (Mus musculus), diese jedoch mit längerem Schwanz und grauerem Fell; >Bestimmungsschlüssel<
Systematik: Ordnung: Nagetiere (Rodentia) → Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha) → Überfamilie: Mäuseartige (Muroirdea) → Familie: Ratten- und Mäuseartige (Muridae) → Unterfamilie: Echte Mäuse und Ratten (Murinae) → Gattung: Hausmäuse (Mus)

Die dämmerungs- und nachtaktive Ährenmaus ist im Tiefland auf extensiv genutzte Felder und Steppen zu finden. Sie ist nicht nur eine gute Läuferin und Kletterin, sondern zeigt auch eine unermüdliche Grabtätigkeit. So legen die Tiere zur Vorratsspeicherung im Winter einen 100 – 200 cm breiten und 50 cm  hohen »Ährenmaushügel« aus trockenem Laub, Gras und Erde an. Diesen bewohnen 4 - 14 Ährenmäuse bis zum Fortpflanzungsbeginn im März. Ihre Nahrung besteht aus Trockenfrüchten und Samen von Feldpflanzen und Ackerkräutern. Lebensraumverlust und die Intensivierung der Landwirtschaft gefährden die Vorkommen von Ährenmäusen, sodass sie in den Roten Listen Österreichs als stark gefährdet eingestuft wurde.

Lebensraum

Die Ährenmaus bewohnt Wegränder, Hecken, junge Aufforstungsstreifen, Wildäcker, extensiv genutzte Felder und Steppen im Tiefland [2,1]. Die Verfügbarkeit von Nahrungspflanzen sowie der Zeitpunkt der Samenreife beeinflussen ihre Habitatwahl [2]. Im Gegensatz zur Hausmaus (Mus musculus) ist die Ährenmaus nie in Gebäuden zu finden [1,4,7].

Lebensweise

Die dämmerungs- und nachtaktive Ährenmaus ist eine gute Läuferin und Kletterin und nutzt dabei ihren Schwanz als Balancier- und Stützorgan. Während sich die motorische Äktivität bei der Hausmaus überwiegend in Erkundungsverhalten äußert, zeigt die Ährenmaus eine unermüdliche Grabtätigkeit [1]. Beide Arten markieren mit Urinmarken; interessant ist, dass bei der Ährenmaus der vom menschlichen Geruchssinn deutlich wahrnehmbare »Mäusegeruch« nicht erkennbar ist [1]. Der Aktivitätsradius beträgt bei hügelbewohnenden Ährenmäusen 150 – 260 m², wobei sich diese Bereiche bei den einzelnen Tieren üblicherweise überschneiden [4]. In Freigehegen wurde beobachtet, dass sich die Ährenmaus gegenüber fremden Artgenossen friedlicher verhält als die Hausmaus. Ährenmäuse, welche in Untersuchungen mit der Hand gegriffen werden, machen nicht von ihrem Gebiss gebrauch, sondern Verhalten sich ähnlich »friedlich« wie Birken- Zwerg- oder Haselmäuse, während sich Hausmäuse durchaus mit Abwehrbissen wehren. Bei tieferen Außentemperaturen ist bei Ährenmäusen öfters ein Kontaktliegen zu beobachten, wobei sich alle Mitglieder einer Gruppe pyramidenförmig aneinanderlegen [1].

Ährenmaushügel

Ab August beginnen Gruppen von jeweils 4 – 14 Ährenmäusen (überwiegend Jungtiere von 1 – 2 Würfen und einige Adulte [1] mit der Errichtung eines Hügels zur Vorratsspeicherung und zum Überwintern. Die Größe der Speicherhügel hängt von der Anzahl der am Bau beteiligten Tiere ab, meist erreichen sie einen Durchmesser von 100 – 200 cm und eine Höhe bis zu 50 cm [4,2]. In die Hügel werden bis zu 50 kg Samen von Ackerkräutern und Getreide aus einem Umkreis von bis zu 140 m² eingetragen [2,4]. Die Abdeckung besteht aus trockenem Laub und Gras und einer abschließenden 5 – 10 cm dicken Erdschicht [2]. Bis zur Fertigstellung dauert es ca. 2 – 3 Wochen. Auch wenn der Bau des Hügels abgeschlossen ist, geht die Aktivität der Ährenmäuse weiter. So wird das verzweigte System aus Gängen, Vorratskammern und Nestkammern unter dem Hügel ständig erweitert und umgebaut [1]. Ab März werden die Hügel wieder verlassen, die Ährenmäuse bewohnen über die Frühlings- und Sommermonate einfacher angelegte Erdbaue [4].

Fortpflanzung und Population

Die Fortpflanzungszeit dauert von März/April bis Oktober. In dieser Zeit kommt es zu 4 – 5 Würfen mit je 4 – 7 Jungtieren. Die Tragzeit dauert ungefähr 20 – 24 Tage, die jungen Ährenmäuse öffnen erst nach 16 – 19 Tagen die Augen, sind dann jedoch selbstständig. Die Geschlechtsreife wird mit vermutlich nach frühestens 2 Monaten erreicht [1].
Auf einer Fläche von einem Hektar können häufig 1 - 20 (in sehr gut geeigneten Lebensräumen 60 - 100) Ährenmaushügel vorgefunden werde. In einem Hügel leben meist 5 - 6, gelegentlich bis zu 14 Ährenmäuse [9]. 

Nahrung

Die Ährenmaus ernährt sich von Trockenfrüchten und Samen von Feldpflanzen und Ackerkräutern. Je nach Angebot des Standortes und zeitlicher Verteilung der Fruchtreife kann der Anteil der 1 – 2 (3) wichtigsten Sammelpflanzen >95 % des Hügelinhaltes betragen [1]. Häufig frisst sie Körnerfrüchte, insbesondere Fuchsschwanzarten, Gänsefüße, geruchlose Kamille, Sonnenblumen, Hirse und Lein [7].

Konkurrenz und Gefährdung

Äcker, Wiesen und Steppenbiotope werden auch häufig von der Zwergwaldmaus (Apodemus uralensis) und der Feldmaus (Microtus arvalis) besiedelt. Über Dominanzverhältnisse und Auswirkungen dieser Konkurrenzsituationen ist nicht viel bekannt. Feldmäuse setzen sich jedoch meist gegenüber anderen Kleinsäugern durch.
Angaben zu potentiellen Feinden fehlen in der Literatur. Lebensraum und Lebensweise lassen annehmen, dass typische Feld- und Waldmausjäger wie Mauswiesel (Mustela nivalis), Hermelin (Mustela erminea), Rotfuchs (Vulpes vulpes), Iltis (Mustela putorius), Mäusebussard (Buteo buteo), Waldohreule (Asio otus), Sumpfohreule (Asio flammeus) und Schleiereule (Tyto alba) auch regelmäßig Ährenmäuse erbeuten.

Gefährdung und Schutz

Ährenmäuse sind in den Roten Listen Österreichs als stark gefährdet eingestuft [10] und in erster Linie durch Habitatverlust und die Intensivierung der Feldnutzung bedroht [7]. Eine mögliche Schutzmaßnahme ist die ährenmausfreundliche Bewirtschaftung von Feldern. Dabei sollte auf die jahreszyklische Bearbeitung und besonders die frühe Umackerung nach der Ernte verzichtet werden, um die Vorratshügel der Ährenmäuse zu erhalten.

[1] Unterholzner, K., Willenig, R. & Bauer, K. (Hrsg.) (2000): Beiträge zur Kenntnis der Ährenmaus Mus spicilegus Peteny, 1882. Reihe: Biosystematics and Ecology Series 17 (Hrsg.: Morawetz, W., Winkler, H.). Österr. Akademie der Wissenschaften, Wien (Landesmuseum.at: Online pdf).
[2] Grimmberger, E., & Rudloff, K. (2009) Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlags GmbH, Münster.
[3] Krištofík, J., Stollmann, A. (2012): Myš kopčiarka - Mus spicilegus. In: Cicavce Slovenska - rozšírenie, bionómia a ochrana (Hrsg.: Krištofík, J., Danko, Š.) 188-190. VEDA, Bratislava.
[4] Sokolov, V.E., Kotenka, E.V. & Michailenko, A.G. (1998): Mus spicilegus. Mammalian species 592: 1–6 (science.smith.edu: Online.pdf).
[5] Sokolov, V.E. (1990): Biology of house and mound-building mice. Nautica, Moscow. (in Russian, English summary)
[6] Mikes, M. (1971): Ecologic investigations on Mus musculus hortulanus Nordmann in Vojvodina.  Matiča Srpska, Novi Sad Zb. Ser. Prir. Nauka 40: 52-129.
[7] Schmelzer, E. & Herzig-Straschil, B. (2013): Ziesel, Feldhamster und Ährenmaus im Burgenland. Naturschutzbund Burgenland, Eisenstadt (Landesmuseum.at: Online pdf).
[8] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 13. Austria Medien Service, Graz
[9] Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnder, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thiessen, J. B. M., Vohralik, V., & Zima, J. (1999): The atlas of European Mammal. Academic Press, London.
[10] Zulka, P. (2005): Rote Listen gefährdeter Tiere Österreichs: Checklisten, Gefährdungsanalysen, Handlungsbedarf - Teil 1: Säugetiere, Vögel, Heuschrecken, Wasserkäfer, Netzflügler, Schnabelfliegen, Tagfalter. Grüne Reihe des Lebensministeriums. Böhlau Verlag, Wien. 

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Mai. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Ährenmaus - Mus spicilegus. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.