Sumpfspitzmaus - Neomys anomalus

Name: Neomys anomalus (Cabrera, 1907); Sumpfspitzmaus (D); Miller`s water shrew (E)
Internationaler Schutz: Berner Konvention (Anhang III)
Größe: Kopf-Rumpf: 6083 mm; Hinterfuß: 1416,5 mm; Schwanz: 4157 mm; Gewicht: 714 g [1].
Fell: Zweifarbig, wobei sich die weiß-graue Bauchunterseite stark vom ansonsten schwarzen Fell abhebt. Am Bauch häufig schwarze Färbungen als Flecken oder Strichförmig entlang der Bauchmitte [3].
Augen/Ohren: Klein; weiße Flecken um die Augen und hinter den Ohren; Ohren im Fell verborgen [1].
Schwanz: Besitzt meist einen schwach ausgeprägten Borstenkiel an der zweiten Schwanzhälfte [6].
Verbreitung: Kontinentaleuropa [7]; Österreich: alle Bundesländer [8]; Deutschland: lückenhaft, südliche Hälfte [6]; Schweiz: vereinzelt im Mittelland [9]; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Die Höhenverbreitung erstreckt sich bis 1.850 m [7], wobei sie vorwiegend in der planar/kollinen bis submontanen Höhenstufe zu finden ist [8].
Lebensraum: Vorzugsbiotop: Gewässerufer und Feuchtgebiete [2].
Lebenserwartung: rund 20 Monate; in Gefangenschaft 3 Jahre [3].
Ähnliche Arten: Wasserspitzmaus (N. fodiens), die kleinere Sumpfspitzmaus besitzt jedoch eine Hinterfußlänge < 16,5 mm und eine Schwanzlänge <55 mm [4]. Der Borstenkiel ist kein sicheres Unterscheidungungsmerkmal, da dieser stark abgenutzt sein kann [6].
Systematik: Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha) → Familie: Spitzmäuse (Soricidae) → Unterfamilie: Rotzahnspitzmäuse (Soricinae) → Stamm: Nectogalini → Gattung: Wasserspitzmäuse (Neomys)

Die Sumpfspitzmaus bewohnt vorwiegend Uferbereiche (Flachwasser und Verlandungszonen) mit geringer Strömungsgeschwindigkeit und gut deckender Krautschicht. Fällt  ihr Gewässer im Sommer trocken, legt sie auf der Suche nach Ersatzlebensräumen weite Wanderungen zurück [1] und kann bei ausreichendem Niederschlag auf Mähwiesen und in Parkanlagen angetroffen werden [2]. Über die Biologie der Sumpfspitzmaus ist nur wenig bekannt [9]. Sie zeigt sich gesellig, lebt in kleinen, sozial gegliederten Gruppen [1] und scheint weniger aggressiv und nachtaktiver zu sein als die Wasserspitzmaus (Neomys fodiens) [5]. Ihre Nester aus Laub und Moos befinden sich unterirdisch oder oberirdisch (in Sumpfgebieten) [1] an geschützten Stellen [3]. Ihre Fortpflanzungszeit beschränkt sich in der Regel auf Mai bis September [6], wobei gelegentlich eine Wintervermehrung zu beobachten ist [1]. Sie ernährt sich von aquatischen und terrestrischen Nahrungstieren [3]. Mit Hilfe von Echoortung sucht sie vorwiegend entlang des Spülsaumes nach Beutetieren. Größere Beute wie 2-3 cm lange Fische lähmt sie durch einen Biss und trägt sie ins Nest [3]. Die kleinere Sumpfspitzmaus versucht der körperlich überlegeren, aggressiveren Wasserspitzmaus auszuweichen: Sie ändert ihre Aktivitätsphasen [10] und es kommt zur Nischentrennung [1]. Als ihre natürlichen Feinde gelten Greifvögel, insbesondere Schleiereulen (Tyto alba), Uhu (Bubo bubo) und Waldohreule (Asio otus) [11].

Lebensraum

Sie ist hauptsächlich in Uferbereichen nährstoffreicher Gewässer mit durchgängigem Kraut- und Strauchbewuchs beheimatet, wobei das Vorkommen der Wasserspitzmaus in ihrer Habitatwahl mitbestimmend ist [5]. Als vermutlich ursprünglichere Form der beiden Spitzmausarten [12] ist die Sumpfspitzmaus weniger an eine aquatische Lebensweise angepasst und bevorzugt ruhiger Gewässerabschnitte [1]. In Regionen, in welchen ihre Konkurrentin fehlt, ist eine morphologische Annäherung der Sumpfspitzmaus zu beobachten. Sie übernimmt dann deren ökologische Rolle und ist auch an schnell fließenden Bächen anzutreffen [5]. Im Allgemeinen bewohnt sie Flachwasser und Verlandungszonen. Fällt  ihr Gewässer im Sommer trocken, legt sie auf der Suche nach Ersatzlebensräumen weite Wanderungen zurück [1]. Da die Sumpfspitzmaus dabei weniger an offenes Wasser gebunden ist, kann sie bei ausreichendem Niederschlag auch abseits von Gewässern überleben. So ist sie gelegentlich auf Mähwiesen und in Parkanlagen im Siedlungsbereich anzutreffen [2].

Lebensweise

Über die Biologie der Sumpfspitzmaus ist nur wenig bekannt [9]. Sie zeigt sich gesellig, lebt in kleinen, sozial gegliederten Gruppen [1] und scheint nicht so aggressiv und nachtaktiver als die Wasserspitzmaus [5]. Die Sumpfspitzmaus schwimmt und taucht gut, ist in beiden aber ihrer Konkurrentin unterlegen [6]. Mit den kleineren Hinterfüßen, den schwächer ausgebildeten Schwimmborsten an Schwanz und Füßen und einem stärkeren Auftrieb beim Tauchen, fällt ihr die Fortbewegung im Wasser schwerer [1]. Ihre Nester aus Laub und Moos befinden sich meist an geschützten Standorten, wie unter Steinen. Die Nester zur Jungenaufzucht werden vom Weibchen 2 Tage vor der Geburt [3] in Abhängigkeit vom Lebensraum unterirdisch (trockene Standorte) oder oberirdisch (in Sumpfgebieten) anlegt [1].

Fortpflanzung und Populationsbiologie

Die Fortpflanzungszeit dauert von Mai bis September [6]. Pro Jahr werden 2 - 3 Mal nach einer Tragzeit von 20 - 21 Tagen [6] 7 - 12 Jungtiere geboren [1]. Bereits im Alter von 21 Tagen beginnen die Jungen das Nest zu verlassen [3] und nach 31 Tagen sind sie entwöhnt [6]. Der Nachwuchs nimmt noch im selben Jahr an der Fortpflanzung teil und bildet ab August den Kern der Population. Bei der Sumpfspitzmaus ist in milden Monaten auch eine Wintervermehrung zu beobachten. Aufgrund mangelnder Untersuchungen kann im Detail nur auf ein ähnliches Fortpflanzungsverhalten wie bei der Wasserspitzmaus geschlossen werden [1].
Es ist nicht bekannt, in welcher Populationsdichte die Tiere leben [11]. Schätzungen gehen davon aus, dass diese gering ist und vor allem bei Anwesenheit der Wasserspitzmaus schwankt [5]. Häufig sind mehr Männchen als Weibchen vertreten [5].

Nahrung

Die Stoffwechselrate der Sumpfspitzmaus liegt zwischen jener der Waldspitzmaus (Sorex araneus) und Wasserspitzmaus, weswegen auch sie eine hohe Anzahl an Beutetieren pro Tag verzehren muss [5]. Den größten Teil ihrer Nahrung sucht sie an Land, wobei sie am Boden zwischen Laub und Wurzeln nach Nahrungstieren Ausschau hält [1]. Lebt sie an einem Gewässer, so sucht sie entlang des Spülsaumes nach Beutetieren, wobei sie sich nur im flachen Wasser mit einer Tiefe von maximal 10 cm aufhält. Dabei dürfte die Sumpfspitzmaus wie die Waldspitzmaus Echoortung verwenden, was jedoch bis heute nicht nachgewiesen werden konnte. Größere Beute, wie 2 - 3 cm lange Fische, lähmt sie durch einen Biss und trägt sie ins Nest oder an eine geschützte Stelle, wo sie Nahrungsreserven sammelt [3]. Im Wasser taucht sie kaum und nimmt bevorzugt schwimmend Nahrung an der Wasseroberfläche zu sich. Wie die Wasserspitzmaus besitzt sie Giftdrüsen mit einem halb so stark konzentrierten, lähmenden Wirkstoff, welcher ihr hilft größere Beutetiere zu erlegen und abzutransportieren [1]. Ihre Ernährung variiert und besteht vor allem aus Fliegenlarven, Schnecken und Regenwürmern, kleinen Krebsen (Gammarus), Spinnen, Weberknechten, Pseudoskorpionen, Milben, Tausendfüßern und verschiedenen Insektenlarven und Käfern [3].

Konkurrenz und Feinde

Die kleinere Sumpfspitzmaus versucht der körperlich überlegenen, aggressiveren Wasserspitzmaus auszuweichen [10]. Sie ändert bei gleichzeitigem Vorkommen ihre Aktivitätsphasen. Aufgrund einer Nischentrennung, bei welcher die Sumpfspitzmaus ruhige und ihre Konkurrentin schnell fließende Gewässerabschnitte bewohnt, vermeiden sie meist direkte Konkurrenz. Neben der Wasserspitzmaus ist auch die Waldspitzmaus gegenüber der Sumpfspitzmaus dominant [1].
Als ihre natürlichen Feinde gelten Vögel, insbesondere Schleiereulen (Tyto alba), Uhu (Bubo bubo) und Waldohreule (Asio otus), wobei der Anteil von gefressenen Sumpfspitzmäusen in Gewöllen meist gering ist [11]. Innerhalb der Säugetiere werden sie gelegentlich vom Mauswiesel (Mustela nivalis) und Hermelin (Mustela erminea) gefressen [10].

Laute der Sumpfspitzmaus

[1] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie. Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[2] Kraft, R. (2008): Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag, Stuttgart.
[3] Lugon-Moulin, N. (2003): Les musaraignes: Biologie, écologie, répartition en Suisse. Porte-Plumes Verlag, Ayer.
[4] Spitzenberger, F. (1990): Gattung Neomys. In: Handbuch der Säugetiere Europas: Insektenfresser, Herrentiere  (Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp). Band 3/1 113-116. Aula Verlag, Wiesbaden.
[5] Spitzenberger, F. (1990): Neomys anomalus Cabera, 1907 - Sumpfspitzmaus. In: Handbuch der Säugetiere Europas: Insektenfresser, Herrentiere  (Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp). Band 3/1, 117-333. Aula Verlag, Wiesbaden.
[6] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[7] Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnder, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thiessen, J. B. M., Vohralik, V., & Zima, J. (1999): The atlas of European Mammal. Academic Press, London.
[8] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 13. Austria Medien Service, Graz.
[9] Cantoni, D. (1995): Neomys anomalus (Cabrera, 1907). In: Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie  (Hrsg.: J. Hausser). Band 103, 45-48. Birkäuser Verlag, Basel.
[10] Görner, M. (2009): Sumpfspitzmaus Neomys anomalus. In: Atlas der Säugetiere Thüringens  (Hrsg.: M. Görner). 94-95. Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen e. V. und Landesjagdverband Thüringen e. V., Jena.
[11] Ventura, J. (2007): Neomys anomalus (Cabrera, 1907). In: Atlas y Libro Rojo de los Mamíferos Terrestres de España (Hrsg.: L. J. Palomo, J. Gisbert & J. C. Blanco). 114-116. Dirección General para la Biodiversidad-SECEM-SECEMU, Madrid.
[12] Müller, J. P., Jenny, H., Lutz, M., Mühlethaler, E., & Briner, T. (2010): Die Säugetiere Graubündens: Eine Übersicht. Sammlung Bündner Naturmuseum und Desertina Verlag, Chur.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Mai. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Sumpfspitzmaus - Neomys anomalus. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.