Waldbirkenmaus - Sicista betulina

Name: Sicista betulina (Pallas, 1779); Waldbirkenmaus (D); Northern birch mouse (E)
Größe: Kopf-Rumpf: 50–75 mm; Hinterfuß: 14–18 mm; Schwanz:  76–108 mm; Gewicht: 5–15 g [1]
Fell: Oberseite: gelbgrau mit dunklen Grannenhaaren und am Rücken 2–3 mm breiter, schwarzer Strich; Unterseite: rein grau [1]
Augen/Ohren: relativ große, spärlich behaarte Ohren [1]
Schwanz: Stütz- und Haltefunktion, 120-130% der Körperlänge [11]; Oberseite: wenige borstenartige Haare; Unterseite: dichter, kürzer und heller behaart [1]
Lebensraum: Bergwälder, subalpine Wiesen und Hochmoore [5] Aktionsraum: 0,4–1,3 Hektar; Populationsdichte: 25–30 Individuen pro Hektar im Hauptareal, an der westlichen Verbreitungsgrenzen wahrscheinlich geringer [6]
Lebenserwartung: selten bis zu 40 Monate, jährliche Sterblichkeit bei 80% [6]
Ähnliche Arten: Anhand ihrer Größe und des langen Schwanzes kann sie von der sonst ähnlich aussehenden Brandmaus (Apodemus agrarius) unterschieden werden. Die ähnlich große Zwergmaus (Micromys minutus) besitzt keinen Aalstrich entlang des Rückens. Schwieriger ist eine Unterscheidung mit anderen Birkenmäusen (Sicista), wobei die Steppenbirkenmaus (Sicista subtilis) einen graueren Rücken besitzt und eine Abgrenzung zur Strands Birkenmaus (Sicista strandi) anhand äußerer Merkmale nicht möglich ist [5]. >Bestimmungsschlüssel<
Systematik: Ordnung: Nagetiere (Rodentia) → Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha) → Überfamilie: Dipodoidea → Familie: Springmäuse (Dipodidae) → Unterfamilie: Birkenmäuse (Sicistinae) → Gattung: Birkenmäuse (Sicista)

Die Hauptverbreitung der Birkenmaus liegt in der Taiga und den Waldtundren und Waldsteppen in Nordeuropa und Asien. Am westlichen Rand ihrer Verbreitungzone (von Norwegen und Schweden über Dänemark bis Deutschland, die Tschechische Repubik und Österreich) sind die Vorkommen stark voneinander isoliert. Nach der letzten Kaltzeit reichte die Verbreitung der Birkenmaus sogar bis Frankreich, Italien und die Schweiz, diese Vorkommen sind aber bereits seit langer Zeit verschwunden [3]. Die noch erhaltenen Lebensräume sind heute durch Zerstörung und Veränderung (Verbau, Forstwirtschaft, Moorzerstörung, Skigebiete, Straßenbau) bedroht [3]. Die Waldbirkenmaus ist daher durch die Berner Konvention (Anhang II) und die Fauna-Flora-Habitat Richtlinie (Anhang IV) geschützt.

Bestimmungsmerkmale

Das auffälligste Merkmal der Birkenmaus ist ein 2–3 mm breiter schwarzer Strich, der entlang der Rückenmitte von der Kopfoberseite bis zum Schwanz verläuft. Der spärlich behaarte  Schwanz ist meist deutlich länger als der Körper (120–130 % der Körperlänge [11]). Im Gegensatz zu echten Mäusen ist die Oberlippe der Birkenmaus nicht gespalten. Der Kopf wirkt insgesamt etwas spitzer als bei anderen Mäusen [1]. Verwechslungsmöglichkeiten bestehen vor allem mit der Zwergmaus und der Brandmaus. Die ähnlich große Zwergmaus hat jedoch keinen Aalstrich und die Brandmaus ist größer wobei ihre Schwanzlänge jedoch unter der Körperlänge bleibt (ca. 75%) [2], zudem sind die Augen und Ohren der Birkenmaus kleiner; die Augen befinden sie näher bei der Nasenspitze [11].

Lebensraum

Aufgrund der ausgedehnten Verbreitung mit einer Höhenamplitude zwischen Meeresniveau und 2010 m in den Alpen (12, 13) ist die Waldbirkenmaus in sehr unterschiedlichen Lebensraumtypen zu finden. Sie bevorzugt jedoch Waldrand- oder Mosaikstandorte mit hoher Bodenfeuchtigkeit sowie einer dichten Kraut- und Zwergstrauchvegetation. Im Tiefland bewohnt sie vornehmlich Seen- und Sumpfgebiete. In den Bergregionen besiedelt sie bodenfeuchte Laub- und Mischwälder. Im Alpenraum ist die Waldbirkenmaus vermehrt oberhalb der Waldgrenze anzutreffen, wo sie Zwergstrauchheiden, Almwiesen oder Moore bewohnt (vgl. 14, 15, 16).

Lebensweise

Die Aktivitätsschwerpunkte der Waldbirkenmaus liegen in der Dämmerung und Nacht, sie zeigt jedoch auch am Tag kurze Aktivitätsphasen. Neben einer möglichen Lethargie im Sommer hält sie Winterschlaf von Oktober bis April, wodurch sie pro Jahr nur 103 - 161 Aktivitätstage erreicht [1]. Innerhalb ihres Aktionsraums von 0,4–1,3 Hektar [6] bewegt sie sich am Boden oder in Bodennähe und klettert in Sträuchern geschickt über lange Distanzen, wobei ihr der Schwanz als Balancierstab dient. Eine weitere Anpassung an das Klettern ist ihre Fähigkeit den fünften Zeh am Hinterfuß fast rechtwinkelig abzuspreizen. Dicht unter der Oberfläche legt sie 2–3 cm große Erdröhren an, welche durch ein Netzwerk aus Gängen in der Laub- und Streuschicht miteinander in Verbindung stehen.  Die Ausgänge sind faustgroß erweitert und bilden 7 cm kleine Höhlen [1]. Neben den 1–2 Ausgängen bestehen die flachen Baue aus 2 Kammern [6]. Ihr rundes Nest baut sie in vorhandenen Strukturen wie hohlen Baumstämmen, zwischen liegendem Geäst, in trockenem Moos oder in dichtem Gras [1]. Das Nest wird am Boden oder bis in eine Höhe von 1,5 m angelegt, besteht aus Rindenstücken, Gras und Moos und erreicht einen Durchmesser von 5–9 cm [6]. Im Sommer besitzt sie auch weitere Tagesschlafplätze in dichter Vegetation. In einem größeren und gut isolierten Nest oder in frostfreien Erdbauen hält die Waldbirkenmaus ihren 6 - 8 Monate langen Winterschlaf, welche bei uns von Anfang Oktober bis Mitte April dauert. Im August und September erreicht sie durch vermehrte Nahrungsaufnahme ein Gewicht von ca. 13 g und wird mit sinkenden Temperaturen (unter 10°C) zunehmend träger. Wurden vorher warme und trockene Umgebungen bevorzugt, so wechselt die Waldbirkenmaus nun zu kälteren und feuchteren Schlafplätzen, um die Gefahr der Austrocknung zu reduzieren. Im Winterschlaf zehrt sie von ihren angefressenen Reserven und verliert bis zum Frühjahr ungefähr die Hälfte ihres Gewichts. Nach ihrem Erwachen verbringt sie viel Zeit mit der Nahrungssuche und legt nur wenige Ruhephasen ein. Während des Sommers kann sie bei tiefen Temperaturen erneut in Lethargie fallen [1].

Fortpflanzung und Population

Birkenmäuse erreichen die Geschlechtsreife erst in ihrem zweiten Lebenssommer und sind nur einmal im Jahr (Mai bis Mitte Juni) fortpflanzungsbereit [6]. Nach einer Tragzeit von 18–24 Tagen kommen zwischen 2–6 Jungtiere [1] (der Durchschnitt aus verschiedenen Teilen ihres Areals liegt bei 4,94 [6]) Jungtiere zur Welt. Die maximale Lebenserwartung wird auf  40 Monate geschätzt, die jährliche Sterblichkeit ist jedoch sehr hoch (etwa 80 %) wodurch kaum Tiere dieses Alter erreichen [6]. Die Jungtiere öffnen erst nach 27–28 Tagen die Augen [6] und werden fünf Wochen lang gesäugt [2].

Nahrung

Die Birkenmaus ernährt sich sowohl von tierischer als auch pflanzlicher Kost.  Dazu zählen Früchte, Sämereien, grüne Pflanzenteile und Beeren. Darüber hinaus zeigt sie sich geschickt bei der Jagd auf Insekten wie Heuschrecken, Käfer, Ameisen und Fliegen sowie deren Larven [1,5]. Je nach Angebot beträgt der Anteil pflanzlicher Nahrung bis zu 50 % [1,6].

Konkurrenz und Feinde

Zu den natürlichen Feinden der Birkenmaus gehören Beutegreifer, Greifvögel und Eulen [6]

Gefährdung und Schutz

Lebensraumverlust durch Tourismus sowie land- und forstwirtschaftliche Tätigkeiten gefährden die häufig nur noch inselförmig verbreitete Waldbirkenmaus. Dies trifft besonders auf großflächige Nutzungsänderungen mit einhergehender Zerstörung der Pflanzendecke, Veränderung der Pflanzenartenzusammensetzung und des Grundwasserspiegels zu [7]. Die Gefährdungssituation wird sich in den kommenden Jahren mit dem zu erwartenden Klimawandel verschärfen [8]. So werden sich auch in den Alpen ihre bevorzugten Habitate rasch und stark verändern [7]. Gebiete mit Vorkommen der Waldbirkenmaus bedürfen daher nach Meinig (2010) eines konsequenten Schutzes [8]. Sie ist international durch die Berner Konvention (Anhang II) und durch die FFH-Richtlinie (Anhang IV) geschützt. In der Roten Liste Österreichs wird die Birkenmaus mit sehr geringem Bestand und sehr geringer Habitatverfügbarkeit sowie negativer Entwicklung der Habitatsituation als gefährdet, mit starker Verantwortlichkeit als Komponente der Schutzpriorität, genannt [9]. In der Roten Liste Deutschlands wird sie als eine vom Aussterben bedrohte Art gelistet [10].

[1] Jenrich, J., Löhr, P.-W. & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie Reihe: Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.), Michael Imhof Verlag: Fulda.
[2] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[3] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs Reihe: Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft Band 13. Austrian Medien Service, Graz.
[4] Kraft, R. (2008): Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag,: Stuttgart.
[5] Grimmberger, E. & Rudloff, K. (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlags GmbH, Münster.
[6] Pucek, Z. (1982): Sicista betulina (Pallas, 1778) - Waldbirkenmaus. In Handbuch der Säugetiere Europas: Nagetiere II. Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp, S. 516-538. Aula-Verlag: Wiesbaden.
[7] Meinig, H. & Herden C. (2008): Internethandbuch Säugetiere der Anhang IV FFH-Richtlinie – Birkenmaus (Sicista betulina). Bundesamt für Naturschutz, Bonn.
[8] Meinig, H. (2010): Die Klimaveränderung - Auswirkungen auf Vögel und Säugetierarten in Mitteleuropa. Nyctalus, 15, 128-153.
[9] Zulka, P. (2005): Rote Listen gefährdeter Tiere Österreichs: Checklisten, Gefährdungsanalysen, Handlungsbedarf - Teil 1: Säugetiere, Vögel, Heuschrecken, Wasserkäfer, Netzflügler, Schnabelfliegen, Tagfalter. Grüne Reihe des Lebensministeriums. Böhlau Verlag, Wien
[10] Haupt, H., Ludwig, G., Gruttke, H., Binot-Hafke, M., Otto, C. & Pauly, A. (Hrsg.) (2009): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 1: Wirbeltiere. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.
[11] Van der Kooij, J. & Bína, P. (2017): Buskmus, brandmus eller skogsmus? – Fauna och Flora 112(1): 37–39.
[12] Zejda J. (1970): Die heutigen Kenntnisse über die Verbreitung der Birkenmaus (Sicista betulina, Pall., 1779, Zapodidae, Rodentia, Mammalia) in Mitteleuropa. —Zoologicke Listy 19 (3): 235–246.
[13] Hable, E. (1978): Zur Verbreitung der Birkenmaus (Sicista betulina PALLAS) in Österreich (Mammalia, Rodentia, Zapodidae). Mitteilungen der Abteilung für Zoologie am Landesmuseum Joanneum 7: 163-171.
[14] Weiter, L., Herman, M., Sedláček, F. & Zemek, F. (2002): Potential occurrence of the birch mouse (Sicista betulina) in the Bohemian Forest (Šumava): a geographical information system approach. Folia Zoologica 51(1): 133-144.
[15] Hable, E. & Spitzenberger, F. (1989): Die Birkenmaus, Sicista betulina PALLAS, 1779 (Mammalia, Rodentia) in Österreich. Mitt. Abt . Zool. Landesmus. Joanneum 43: 3-22.
[16] Gottlieb -von Sanden,  G. O. (1950): Zur Kenntnis der Birkenmaus (Sicista betulina Pall.). Zool. Jb. (Syst.) 79: 93–113.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Okt. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Birkenmaus - Sicista betulina. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.