Waldbirkenmaus - Sicista betulina

Name: Sicista betulina (Pallas, 1779); Waldbirkenmaus (D); Northern birch mouse (E)
Größe: Kopf-Rumpf: 5075 mm; Hinterfuß: 1418 mm; Schwanz:  76108 mm; Gewicht: 515 g [2]
Fell: Oberseite: gelbgrau mit dunklen Grannenhaaren und am Rücken 23 mm breiter, schwarzer Strich; Unterseite: rein grau [2]
Augen/Ohren: relativ große, spärlich behaarte Ohren [2]
Schwanz: Stütz- und Haltefunktion 1 1/4 bis 1 1/2 Mal so lang wie die Körperlänge [3]; Oberseite: wenige borstenartige Haare; Unterseite: dichter, kürzer und heller behaart [2]
Lebensraum: Bergwälder, subalpine Wiesen und Hochmoore [1] Aktionsraum: 0,41,3 Hektar; Populationsdichte: 2530 Individuen pro Hektar [4]
Lebenserwartung: bis zu 40 Monate [2], 50 % sterben nach dem 1. Winterschlaf [4]
Ähnliche Arten: Anhand ihrer Größe kann sie leicht von der sonst ähnlich aussehenden Brandmaus (Apodemus agrarius) unterschieden werden. Schwieriger ist eine Unterscheidung mit anderen Birkenmäusen (Sicista), wobei die Steppenbirkenmaus (Sicista subtilis) einen graueren Rücken besitzt und eine Abgrenzung zur Strands Birkenmaus (Sicista strandi) anhand äußerer Merkmale nicht möglich ist [1]. >Bestimmungsschlüssel<
Systematik: Ordnung: Nagetiere (Rodentia) → Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha) → Überfamilie: Dipodoidea → Familie: Springmäuse (Dipodidae) → Unterfamilie: Birkenmäuse (Sicistinae) → Gattung: Birkenmäuse (Sicista)

Die isolierten Waldbirkenmausvorkommen in Mitteleuropa gehen auf ein ehemals größeres, östliches Verbreitungsgebiet zurück. Die noch erhaltenen Lebensräume sind heute durch Zerstörung und Veränderung (Verbau, Forstwirtschaft, Moorzerstörung, Skigebiete, Straßenbau) bedroht. [5]. Die Waldbirkenmaus ist daher durch die Berner Konvention (Anhang II) und die Fauna-Flora-Habitat Richtlinie (Anhang IV) geschützt.

Lebensraum

Aufgrund der ausgedehnten Verbreitung mit einer Höhenamplitude zwischen Meeresniveau und 2200 m ist die Waldbirkenmaus in verschiedenen Lebensraumtypen zu finden. Gemeinsam sind diesen eine hohe Bodenfeuchtigkeit sowie eine dichte Kraut- und Zwergstrauchvegetation [3]. Im Tiefland bewohnt sie vornehmlich Seen- und Sumpfgebiete. In den Bergregionen besiedelt sie bodenfeuchte Laub- und Mischwälder. Hohe Dichten werden entlang von Biotopgrenzen wie beispielsweise im Bereich von Waldrändern oder Lichtungen erreicht. Im Alpenraum ist die Waldbirkenmaus vermehrt oberhalb der Waldgrenze anzutreffen, wo sie Zwergstrauchheiden, Almwiesen oder Moore bewohnt [2]. Zusammenfassend können feuchte Bergwälder, im Norden Tundra, subalpine Wiesen und Hochmoore zu ihren bevorzugten Lebensräumen gezählt werden [1].

Lebensweise

Die Aktivitätsschwerpunkte der Waldbirkenmaus liegen in der Dämmerung und Nacht, sie zeigt jedoch auch am Tag kurze Aktivitätsphasen. Neben einer möglichen Lethargie im Sommer hält sie Winterschlaf von Oktober bis April, wodurch sie pro Jahr nur 103 - 161 Aktivitätstage erreicht [2]. Innerhalb ihres Aktionsraums von 0,4 - 1,3 Hektar [4] bewegt sie sich am Boden oder in Bodennähe und klettert in Sträuchern geschickt über lange Distanzen, wobei ihr der Schwanz als Balancierstab dient. Eine weitere Anpassung an das Klettern ist ihre Fähigkeit den fünften Zeh am Hinterfuß fast rechtwinkelig abzuspreizen. Dicht unter der Oberfläche legt sie 2 - 3 cm große Erdröhren an, welche durch ein Netzwerk aus Gängen in der Laub- und Streuschicht miteinander in Verbindung stehen.  Die Ausgänge sind faustgroß erweitert und bilden 7 cm kleine Höhlen [2]. Neben den 1 - 2 Ausgängen bestehen die flachen Baue aus 2 Kammern [4]. Ihr rundes Nest baut sie in vorhandenen Strukturen wie hohlen Baumstämmen, zwischen liegendem Geäst, in trockenem Moos oder in dichtem Gras [2]. Das Nest wird am Boden oder bis in eine Höhe von 1,5 m angelegt [1], besteht aus Rindenstücken, Gras und Moos und erreicht einen Durchmesser von 5 - 9 cm [4]. Im Sommer besitzt sie auch weitere Tagesschlafplätze in dichter Vegetation. In einem größeren und gut isolierten Nest oder in frostfreien Erdbauen hält die Waldbirkenmaus ihren 6 - 8 Monate langen Winterschlaf, welche bei uns von Anfang Oktober bis Mitte April dauert. Im August und September erreicht sie durch vermehrte Nahrungsaufnahme ein Gewicht von ca. 13 g und wird mit sinkenden Temperaturen (unter 10°C) zunehmend träger. Wurden vorher warme und trockene Umgebungen bevorzugt, so wechselt die Waldbirkenmaus nun zu kälteren und feuchteren Schlafplätzen, um die Gefahr der Austrocknung zu reduzieren. Im Winterschlaf zehrt sie von ihren angefressenen Reserven und verliert bis zum Frühjahr ungefähr die Hälfte ihres Gewichts. Nach ihrem Erwachen verbringt sie viel Zeit mit der Nahrungssuche und legt nur wenige Ruhephasen ein. Während des Sommers kann sie bei tiefen Temperaturen erneut in Lethargie fallen [2].

Fortpflanzung und Populationsbiologie

Waldbirkenmäuse pflanzen sich hauptsächlich in den Monaten Mai - Juli [2] mit nur einem Wurf pro Jahr fort [4]. Nach 18 - 24 Tagen werden 3 - 11 (meist 2 - 6) Jungtiere geboren. Nach einer Säugezeit von 5 Wochen verlassen die Jungen das Nest und erreichen im August bereits fast die volle Körpergröße. Im folgenden Sommer werden die Tiere geschlechtsreif und nehmen ihrerseits an der Fortpflanzung teil. Die Populationsdichte liegt zumeist bei 25 - 30 Individuen pro Hektar und ist mit Beginn der Selbstständigkeit der Jungtieren im Juli am höchsten [4]. Die geringe Vermehrungsrate wird durch einen höheren Anteil von weiblichen Tieren teilweise ausgeglichen. Unter günstigen Bedingungen treten bei Waldbirkenmauspopulationen nur geringe jährliche Schwankungen auf [2].

Nahrung

Die Waldbirkenmaus ernährt sich sowohl von pflanzlicher als auch tierischer Kost.  Dazu zählen Früchte, Samen, Beeren und Larven. Darüber hinaus zeigt sie sich geschickt bei der Jagd auf Insekten wie Heuschrecken und Fliegen. Je nach Angebot beträgt der Anteil pflanzlicher Nahrung bis zu 50 % [2].

Gefährdung und Schutz

Lebensraumverlust durch Tourismus sowie land- und forstwirtschaftliche Tätigkeiten gefährden die häufig nur noch inselförmig verbreitete Waldbirkenmaus. Dies trifft besonders auf großflächige Nutzungsänderungen mit einhergehender Zerstörung der Pflanzendecke, Veränderung der Pflanzenartenzusammensetzung und des Grundwasserspiegels zu [6]. Die Gefährdungssituation wird sich in den kommenden Jahren mit dem zu erwartenden Klimawandel verschärfen [7]. So werden sich auch in den Alpen ihre bevorzugten Habitate rasch und stark verändern [6]. Gebiete mit Vorkommen der Waldbirkenmaus bedürfen daher nach Meining (2010) eines konsequenten Schutzes [7]. Sie ist international durch die Berner Konvention (Anhang II) und durch die FFH-Richtlinie (Anhang IV) geschützt. In der Roten Liste Österreichs wird die Birkenmaus mit sehr geringem Bestand und sehr geringer Habitatverfügbarkeit sowie negativer Entwicklung der Habitatsituation als gefährdet, mit starker Verantwortlichkeit als Komponente der Schutzpriorität, genannt [8]. In der Roten Liste Deutschlands wird sie als eine vom Aussterben bedrohte Art gelistet [9].

[1] Grimmeberger, E., & Rudloff, K. (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlags GmbH, Münster.
[2] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie Reihe: Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.), Michael Imhof Verlag: Fulda.
[3] Kraft, R. (2008): Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag: Stuttgart.
[4] Pucek, Z. (1982): Sicista betulina (Pallas, 1778) - Waldbirkenmaus. In Handbuch der Säugetiere Europas: Nagetiere II. Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp, S. 516-538. Aula-Verlag: Wiesbaden.
[5] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs Reihe: Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft Band 13. Austrian Medien Service, Graz.
[6] Meining, H., & Herden C. (2008) Internethandbuch Säugetiere der Anhang IV FFH-Richtlinie – Birkenmaus (Sicista betulina). Bundesamt für Naturschutz, Bonn. Online
[7] Meining, H. (2010): Die Klimaveränderung - Auswirkungen auf Vögel und Säugetierarten in Mitteleuropa. Nyctalus, 15, 128-153.
[10] Zulka, P. (2005): Rote Listen gefährdeter Tiere Österreichs: Checklisten, Gefährdungsanalysen, Handlungsbedarf - Teil 1: Säugetiere, Vögel, Heuschrecken, Wasserkäfer, Netzflügler, Schnabelfliegen, Tagfalter. Grüne Reihe des Lebensministeriums. Böhlau Verlag, Wien
[20] Haupt, H., Ludwig, G., Gruttke, H., Binot-Hafke, M., Otto, C. & Pauly, A. (Hersg.) (2009): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 1: Wirbeltiere. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Mär. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Birkenmaus - Sicista betulina. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.