Waldspitzmaus - Sorex araneus

Name: Sorex araneus (Linnaeus, 1758); Waldspitzmaus (D); Common shrew (E)
Internationaler Schutz: Berner Konvention (Anhang III)
Größe: Kopf-Rumpf: 6585 mm; Hinterfuß: 1113 mm; Schwanz: 3249 mm; Gewicht: 615 g [4]; Wintergewicht geringer da Organe und Knochen an Gewicht verlieren (Dehnels’ Phänomen) [8].
Fell: meist dreifarbig mit braun-schwarzem Rücken, helleren Flanken und grau-weißer Bauchunterseite [6], jedoch ohne deutliche Abgrenzung [8] und mit großer individueller Variation [6]; im Winter sowie im Tiefland häufig dunkleres Fell [4]; seltener mit scharf abgegrenzter dunkelbrauner Rückenfärbung (=Schabracke) oder fast einfarbig braun-schwarze Tiere [6].
Augen/Ohren: klein; gelegentlich weiße Flecken hinter den Ohren; Ohren im Fell verborgen [6]
Schwanz: Oberseite dunkler, behaart und bei senilen Tieren kahl [4].
Verbreitung: Paläarktische Region bis Arktische Küste und Baikalsee [9]: Österreich: in ganz Österreich verbreitet [10]; Deutschland: in allen geeigneten Biotopen häufig [8]; Schweiz: Alpen und höhere Lagen des Juras (ab 1.000 m Höhe), zum Teil in der Ebene, im Waadtland- und Mittelland [3]; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Ihre Höhenverbreitung reicht von Meeresniveau bis 2.480 m Höhe [9].
Lebensraum: Vorzugsbiotop: feucht-kühle Lebensräume, aber sehr anpassungsfähig und auch an trockenen Standorten zu finden [5]; Reviergröße in Abhängigkeit von Lebensraum und Jahreszeit 902800 m², meist 360630 m², 796 Individuen pro Hektar [1].
Lebenserwartung: 1518 Monate; Sterblichkeit in den ersten 2 Monaten: 50 %; Wintersterblichkeit > 80 % [1].
Ähnliche Arten: Die Waldspitzmaus ist oft nur mit Hilfe von Schädelmerkmalen (Diskriminanzfunktion nach Turni & Müller, 1996 [12]) und genetischen Untersuchungen eindeutig von der Schabrackenspitzmaus (S. coronatus) zu unterscheiden [8]. Ein tierschonender Artnachweis kann mit einer elektrophoretischen Trennung des Pepsins aus dem Urin nach Neet & Hauser [13] durchgeführt werden [7]. Anhand äußerer Merkmale ist die Waldspitzmaus tendenziell etwas größer, die Rückenfärbung (=Schabracke) dunkler, breiter und weniger scharf abgegrenzt sowie die Färbung der Flanken dunkler [8]. In der Schweiz tritt die Schabracke häufiger bei der Wald- als bei der Schabrackenspitzmaus auf, hier ist die Unterscheidung anhand äußerer Merkmale besonders unsicher [14]. Eine Kreuzung beider Arten ist vorstellbar, ein Hybride konnte bislang nicht gefunden werden. Vermutlich verhindert ein artspezifischer Geruch eine falsche Partnerwahl [7]. Vor allem juvenile Tiere können auch mit der Zwergspitzmaus (Sorex minutus) verwechselt werden [5].
Systematik: Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha) → Familie: Spitzmäuse (Soricidae) → Unterfamilie: Rotzahnspitzmäuse (Soricinae) → Stamm: Soricini → Gattung: Eigentliche Rotzahnspitzmäuse (Sorex) → Untergattung (Sorex)

Die Waldspitzmaus bewohnt bevorzugt feucht-kühle Lebensräume mit dichter Vegetation [4]. Da ihr täglicher Nahrungsbedarf mit 80 - 90 % ihres eigenen Körpergewichts überaus hoch ist [3], durchsucht sie ständig den Boden und dessen Auflage nach Regenwürmern, Schnecken, Insekten, Spinnen und anderen Beutetieren [1]. Die tag- & tag- und nachtaktive Spitzmaus lebt solitär in definierten Revieren, deren Kerngebiete aggressiv verteidigt werden [2]. Häufig erweitert und gestaltet sie verlassene Kleinsäugerbaue [4] oder legt oberirdische Nester an geschützten Stellen an [6]. Da ihr Sehsinn nicht gut entwickelt ist, nutzt sie Ultraschalllaute zur Orientierung [1]. Als Anpassung an kalte Winter und Nahrungsmangel speichert sie braunes Fettgewebe und reduziert das Gewicht von Knochensubstanz und wesentlicher Organe (= Dehnel`s Phänomen) [7]. Die Waldspitzmaus verfügt über ein vielfältiges Lautinventar, mit welchem sie ihren Artgenossen unterschiedliche Stimmungen mitteilen kann [2]. Die Fortpflanzungszeit beginnt im März/April [4] und dauert bis September [7]. In Nordeuropa können 3 - 4 jährige Populationsschwankungen beobachtet werden [4]. Mit räumlicher und nahrungsspezifischer Nischentrennung gelingt es ihr weitgehend Konkurrenz mit anderen Spitzmausarten zu vermeiden [4,11]

Lebensraum

Ihre höchste Populationsdichte erreicht die Waldspitzmaus in feucht-kühlen Habitaten mit dichter Vegetation. Sie ist daher meist entlang von Ufern und Verlandungszonen, bei Quellen sowie in Hochstaudenfluren, nassen Wäldern und Mooren zu finden [4], wo sie sie lehmige, mineralstoffreiche Nassböden bevorzugt. Denn hier findet sie viele Regenwürmer und kann stabile Gänge anlegen [7]. In diesen präferierten Lebensräumen liegen die Temperaturen häufig unter 25 °C [4]. Sie ist äußerst anpassungsfähig und besiedelt auch trockene Standorte wie Laubwälder und Windwurfflächen [4]. In Nordeuropa ist sie zudem auf offenem Gelände bei Dünen, entlang von Sandständen oder auf Geröllflächen zu beobachten [6]. Innerhalb ihrer Lebensräume bevorzugt sie strukturreiche Mikrohabitate. So kann sie zum Beispiel meist in der Nähe von liegendem Totholz und bei entwurzelten Bäumen vorgefunden werden [4]. Denn diese Elemente beherbergen in der Regel viele Beutetiere, bieten Schutz und tragen zu einem feuchten Mikroklima bei [4]. Hingegen meidet sie warme Flächen mit hoher Sonneneinstrahlung [4]. Steht ihr in ihrem Lebensraum der Regenwurm nicht als Nahrungsquelle zur Verfügung, kommt sie in nur geringen Dichten vor und wird infolge häufig von der Zwergspitzmaus (Sorex minutus) ersetzt [2]. Im Gegensatz zur Schabrackenspitzmaus (Sorex coronatus) bevorzugt die Waldspitzmaus nasse, anstelle von feuchten Böden. Insgesamt ist sie mehr an kontinental geprägtes Klima angepasst, während ihre Konkurrentin atlantisches präferiert [16]. Bei gleichzeitigem Vorkommen leben die beiden Populationen kleinräumig voneinander getrennt [5], wobei die Waldspitzmaus meist bei deckungsreicheren Strukturen zu finden ist [16].

Lebensweise

Aktivität und Fortbewegung: Ihr Tag ist in 9 - 15 Aktivitätsperioden gegliedert [3], wobei sie aufgrund ihres hohen Stoffwechselumsatzes tag- und nachtaktiv ist und rund alle 70 Minuten Nahrung zu sich nehmen muss. Auf der Suche nach Beutetieren kann sie an nur einem Tag eine Strecke von 1 - 2,5 Kilometer zurücklegen [4]. In Gefangenschaft sind die Tiere bis zu 59 % des Tages aktiv. Ihre Hauptaktivitäten liegen in der Nacht zwischen 20 Uhr und 04 Uhr sowie am Morgen und am frühen Nachmittag [6]. Absolute Ruhephasen sind selten und dauern meist nur wenige Minuten [1]. Anhaltender Regen erhöht ihre Aktivität an der Oberfläche. Auf deckungslosen Flächen rennt und hüpft sie, was zu einem charakteristischen Spurenbild führt [2]. Wenn es ihr möglich ist, bewegt sie sich stets unter einer schützenden Krautschicht entlang von Leitlinien wie zum Beispiel Totholz oder Mauern [7]. Häufig richtet sich mit ihren Hinterbeinen auf, um mit ihrem Rüssel die Umgebung zu wittern. Während sie ein unbekanntes Gebiet erkundet, kann ein periodisches, hohes Zwitschern wahrgenommen werden [1]. Sie scheint sich zu merken, auf welchen Wegen sie besonders viel Futter fand und sucht diese regelmäßig auf [6]. Die Waldspitzmaus gilt als guter Schwimmer: Mit Stößen der Hinterfüße und Schwanzschlägen bewegt sie sich rasch vorwärts und legt so Distanzen von bis zu 50 Metern zurück [2]. Selbst die Überquerung von Eisflächen kann beobachtet werden [1]. In Feuchtgebieten nimmt sie gelegentlich auch eine teilweise amphibische Lebensweise an und ernährt sich von Bachinsektenlarven von an Gewässern lebenden Schnecken [4].

Braunes Fettgewebe & Dehnel`s Phänomen: Trotz ungünstigem Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen und einem wenig gut isolierten Fell ist sie an ein kühles Klima angepasst. So ist sie zum Beispiel fähig bei Außentemperaturen zwischen 0 °C und 25 °C ihre Körpertemperatur konstant auf 38 °C zu halten. In Regionen mit kalten Wintern kann sie ihren Energiebedarf zur Aufrechterhaltung der Körperwärme nicht nur mit Nahrung decken. Hier verfügt die Waldspitzmaus über physiologische Anpassungen, um selbst Temperaturen von bis zu -30 °C zu tolerieren: Zum einen legt sie im Herbst braunes Fettgewebe an, welches nach Bedarf in biochemische in Wärme umgewandelt wird. Zum anderen findet aus ökonomischen Gründen eine Gewichtsreduktion wesentlicher Organe wie Leber, Milz und Niere und Knochensubstanz statt (= Dehnel`s Phänomen). Im Gegensatz zur Hauspitzmaus (Crocidura russula) kann sie auf hohe Temperaturen nicht mit Senkung der Körpertemperatur und Lethargie reagieren, sondern überhitzt und stirbt [7,17].

Territoriales Verhalten und Reviergröße: Die Waldspitzmaus lebt solitär. Sie besitzt ein definiertes Revier, das in Abhängigkeit vom Geschlecht, dem Alter, der Jahreszeit und Populationsdichte sowie der Lebensraumbeschaffenheit [7] zwischen 90 und 2.800 m² groß ist [1]. Größenangaben schwanken. Mit nur 30 m² sind sie vermutlich in Dünenlandschaften am kleinsten [6]. Aber auch hohe Populationsdichten lassen keine großräumigen Territorien zu, was die Bildung von Gruppen bestehend aus 3 - 15 Tieren und eng aneinander liegenden Revieren erklärt. Die Grenzen ihres Territoriums markiert die Waldspitzmaus mit Kot, Urin und Duftsekreten [7]. Zur Markierung verfügen geschlechtsreife Tiere ovale Drüsenfelder mit Schweiß- und Talgdrüsen an den Flanken, welche bei Männchen größer und auffälliger sind [2]. Um ihre Aussichten auf eine erfolgreiche Reproduktion zu erhöhen, besitzen männliche Waldspitzmäuse während der Paarungszeit ausgedehnte Streifgebiete. Sie überlappen dabei Aktionsräume verschiedener Weibchen. Ältere Tiere sind hier benachteiligt, denn ihre Territorien liegen peripher und sie müssen weite Strecken zur Fortpflanzung zurücklegen [1]. Im Durchschnitt besitzen Waldspitzmäuse im Sommer Reviere zwischen 175 - 925 m² [6], deren Kernbereiche aggressiv verteidigt werden [4]. Treffen zwei Individuen aufeinander erstarren sich zunächst, bevor sie laut zu schreien beginnen und sich auf die Hinterbeine stellen. Weicht ein Individuum zurück, beginnt eine Verfolgungsjagd, welche in der Regel in einer Rauferei endet. Die Tiere versuchen sich gegenseitigen in den Kopf und Schwanz zu beißen, wobei sie sich mit ihren Hinterfüßen vom Gegner abstoßen [1].

Kommunikation und Orientierung: Zur Kommunikation mit Artgenossen und zum Ausdruck von Gefühlen besitzt sie ein vielfältiges Lautinventar. Dieses besteht aus mindestens 15 verschiedenen Lauten und variiert je nach Stimmung von Wispern und Trillern bei der Nahrungssuche bis zu hohen (bis 77 KHz) und lauten Tönen mit grollenden Scharrlauten bei Auseinandersetzungen. Ein Rattern entsteht beim Aneinanderreiben von Zähnen [2]. Wie bei allen Spitzmäusen ist ihr Sehsinn unterentwickelt. Obwohl sie vermutlich Farben erkennt, dienen die Augen vorwiegend zur Wahrnehmung von hell und dunkel. Bewegende Objekte können nicht erkannt werden [1]. Ihr Geruchssinn ist jedoch gut entwickelt, sodass sie durch Wühlen Beutetiere bis in 12 cm Tiefe wahrnimmt [1], und auch ihr Tastsinn ist gut ausgebildet [4]. Diese Sinne werden meist kombiniert zur räumlichen Orientierung, Beutesuche, Feindmeidung und sozialen Kommunikation verwendet [7]. Mit Echoortung orientiert sie sich in ihrem Gangsystem [1], indem sie Schutz bietende Strukturen und Hindernisse aufspürt [7]. Zum Auffinden von Beutetieren ist es jedoch zu unpräzise [1].

Baue: Häufig erweitert und gestaltet die Waldspitzmaus verlassene Kleinsäugerbaue [4] der Waldmaus (Apodemus sylvaticus) und der Rötelmaus (Myodes glareolus) [6]. Ausgehend vom Bau legt sie weitere oberirdische Laufwege in der Laubstreu und Grasschicht [4] sowie im Winter unter Schnee an [2]. Im Gegensatz zur Zwergspitzmaus lebt die Waldspitzmaus mehr unterirdisch, wonach sie besser graben, aber schlechter klettern kann [4]. Ihre Nester aus Gras, Moos und Laub liegen meist in einer Tiefe von bis zu 50 cm. Häufig nutzt sie auch an geschützten Stnatürliche Höhlungen von Baumwurzeln oder Steinspalten. Gelegentlich können Nester an der Erdoberfläche gefunden werden, vor allem Baumstumpfe werden gerne genutzt. Die Nester besitzen eine unterschiedliche Form und Größe: So maß eines in einem Baumstumpf 16 x 12 cm, während unterirdische vorwiegend rund sind und einen Durchmesser von 13 - 15 cm messen. An der Oberfläche scheinen sie zudem besser mit Gras isoliert zu werden. Baue verfügen häufig über ein zentrales und ein peripheres Grasnest. [6]. Ein ausgegrabenes Gangsystem eines Weibchens bestand aus einem verwinkelten Tunnelsystem mit 13 m Länge auf einer Fläche von 3,5 m². Es besaß 14 Eingänge, mehrere Sackgassen und zwei Nestkammern [2]. Die Waldspitzmaus scheint gelegentlich ihren Bau mit anderen Arten zu teilen: So konnte im Winter in ihrem Nest auch eine Zwergmaus (Micromys minutus) beobachtet werden [6].

Fortpflanzung

Die Fortpflanzungszeit von Waldspitzmäusen beginnt im März/April [4] und dauert bis September [7]. 2 – 3 Mal im Jahr kommen nach einer Tragzeit von 20 – 25 Tagen zwischen 4 – 8 Junge zur Welt [4]. Zur Reproduktion werden Standorte mit konstanter Nahrung, Deckung Temperatur und Feuchtigkeit aufgesucht. Der Nestplatz muss zudem vor schlechter Witterung und Fressfeinden geschützt sein und darf nicht weit entfernt von potenziellen Nahrungsquellen liegen, da sonst ihre Jungtiere während der Nahrungssuche der Mutter auskühlen [7]. Für die Geburt und Jungenaufzucht legt die Waldspitzmaus ein besonders großes, kuppelförmiges Nest an [1]. Das Weibchen ist nur für zwei Stunden empfangsbereit und nur in diesem Zeitraum duldet sie männliche Artgenossen in ihrem Revier. Männchen erkunden daher regelmäßig die Empfangsbereitschaft von weiblichen Individuen in ihrem Streifgebiet. Folge ist, dass die Geschwister eines Wurfes nicht immer von nur einem Vater abstammen. Auf diese Weise sichert sich das Weibchen einen bestmöglichen Reproduktionserfolg. In Südengland konnten bei einer Population bis zu 6 (im Durchschnitt 3,3) verschiedene Väter bei einem Wurf nachgewiesen werden [7]. Da die Waldspitzmaus direkt nach der Geburt empfangsbereit ist (Post-Partum-Östrus), ist sie häufig während des Säugens abermals trächtig. Bis zur Entwöhnung bilden sich sogenannten „Karawanen“. Die Jungtiere verbeißen sich dabei die Jungen in das Fell an der Schwanzbasis des vorangegangenen Tieres, sodass eine Marschreihe entsteht, welche von der Mutter angeführt wird. Im Gegensatz zu den Weißzahnspitzmausarten Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), Hausspitzmaus (C. russula) und Gartenspitzmaus (C. suaveolens) ist dieses Verhalten jedoch nur wenig dokumentiert [1]. Die Jungtiere entwickeln sich rasch und sind nach 22 - 25 Tagen selbstständig [7]. Spätestens nach dem 30. Tag müssen sie den Bau verlassen und werden im Familienverband nicht mehr geduldet. Bleiben die Tiere länger, kommt es zu ernsthaften Auseinandersetzungen [7]. Erstaunlich ist, dass die ansonsten aggressiven Weibchen sich um den Nachwuchs anderer Artgenossen kümmern. So trägt sie fremde Nestlinge in ihr Nest. In Gefangenschaft ist diese Adoptionsbereitschaft bei Jungtieren mit einem Alter von bis zu 2,5 Wochen beobachtbar [6]. Die Teilnahme von diesjährigen Waldspitzmäusen an der Fortpflanzung kann vorwiegend in Zentraleuropa beobachtet werden [1], wobei sich auch hier spät geborene Tiere erst im darauf folgenden Frühjahr paaren. Meist kommt unmittelbar, nachdem die Jungen eines Wurfes das Nest verlassen haben, neuer Nachwuchs zur Welt. Während früh im Jahr geborene Tiere abwandern, verdrängen im Herbst geborene Jungtiere ältere Männchen und Weibchen aus ihren Territorien, um diese infolge zu beanspruchen [4]. Abwandernde Waldspitzmäuse legen weite Strecken von mehreren Kilometern zurück und können gegebenenfalls auch kleine Bäche durchqueren [7]. Sie werden häufig von Fressfeinden erbeutet [4]. Konkurrenzkampf und die Suche nach Revieren kostet rund zwei Drittel der Jungtiere das Leben [7]. Weibchen, die noch im gleichen Sommer an der Fortpflanzung teilnehmen, werden kaum Älter als ein Jahr [4].
Die Populationsdichte variiert in Abhängigkeit von den Nahrungsressourcen, der Lebensraumbeschaffenheit (Tunnelsysteme, Baue, Deckung), dem Klima, der vorkommenden Konkurrenz und vorhandenen Fressfeinden zwischen 6 – 69 Individuen pro Hektar [7]. Am höchsten ist die Dichte im Frühjahr nach der Geburt der Jungtiere. Sie liegt meist bei 16 – 18 I/ha und kann in bis auf 77 I/ha ansteigen [7]. Im Sommer beträgt sie in offenen Landschaften zwischen 43 - 98 I/ha in Wiesen, 7 – 21 in strauchreichen Gebieten und Dünen und über 69 I/ha in bewaldeten Lebensräumen. Hohne Populationsdichten können auch entlang grüner Randstreifen mit hoher (>20 cm) Krautschicht beobachtet werden [1]. Viele adulte Tiere sterben im Herbst und nur wenige überleben einen zweiten Winter. In den kalten Monaten besteht die Population daher überwiegend aus diesjährigen Waldspitzmäusen [7]. Aus Skandinavien sind 3 – 4 jährige Populationsdichteschwankungen bekannt [4], die dem Populationszyklus der Rötelmaus (Myodes glareolus) folgten. In Sibirien erfolgt meist nach drei Jahren des Wachstums ein rapider Rückgang. Es ist noch unklar, wodurch die Zusammenbrüche ausgelöst werden. Klimakatastrophen gelten als eine Ursache und hohe Dichten führen zu kleineren Territorien mit wenig Nahrung im Winter. Interessant ist jedoch vor allem ein indirekter Zusammenhang mit ihren Fressfeinden. Denn diese ernähren sich vorzugsweise von Wühlmäusen, insbesondere von Feldmäusen (Microtus arvalis). Nach deren zyklischen Populationszusammenbrüchen steigt der Fraßdruck auf Waldspitzmäuse, deren Beständesich infolge dezimieren sich [7].

Nahrung

Der Nahrungsbedarf der Waldspitzmaus liegt am Tag bei 80 - 90 % des eigenen Körpergewichts. Dies entspricht 6,7 - 9,7 kJ pro Gramm Körpergewicht [1] bzw. über 2000 Käfer [3]. Bei säugenden Weibchen ist dieser mit 150 % noch höher [6]. Dies bedeutet, dass sie viel fressen muss, wobei sie auf verschiedene Nahrungsquellen zurückgreift [4]. Bevorzugt ernährt sie sich von Beutetieren mit einer Körperlänge von 6 - 10 mm, welche sich im Boden oder in der Bodenauflage aufhalten. Im Unterschied zur Zwergspitzmaus verzehrt sie vorwiegend bodenbewohnende Arten [1]. Je nach Verfügbarkeit frisst sie Regenwürmer, Schnecken, Insekten, Spinnen und andere Kleintiere [4]. Zu den meist gefressenen Wirbeltieren gehören kleine Frösche und Fische [6], Eidechsen, Nestlinge der Feldmaus und Mäusekadaver. Eine bedeutende Rolle spielen Waldspitzmäuse bei der Vertilgung forstwirtschaftlich schädlicher Insekten, wie dem Buchdrucker (Ips typographus) [2]. Wasser trinkt sie häufig in Form von Tau und Regentropfen an Pflanzen oder in ihrem Gangsystem [6]. In Feuchtgebieten ernährt sie sich auch von Bachinsektenlarven [4] und kleine Schnecken, welche sie meist mitsamt dem Gehäuse frisst [2]. Der pflanzliche Anteil schwankt mit dem Angebot an Früchten und Samen [4].

Konkurrenz und Feinde

Begegnungen mit Zwergspitzmäusen verlaufen in der Regel harmlos [6]. Bei gleichzeitigem Vorkommen ernährt sich die Waldspitzmaus vermehrt von Regenwürmern, Schnecken und Käfer die Zwergspitzmaus vorwiegend von Spinnen, Käfern und Asseln [11]. Eine Konkurrenz wird zusätzlich durch die stärker unterirdische Lebensweise der Waldspitzmaus vermieden [4]. Die Wasserspitzmaus (Neomys fodiens) stellt aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensraumnutzung und Ernährung eine geringe Konkurrenz dar [11] und gegenüber der Sumpfspitzmaus (N. anomalus) dominiert sie [4]. Obwohl sie der Schabrackenspitzmaus körperlich überlegen ist, wird sie von ihr aus klimatisch günstigeren Lebensräumen verdrängt [15]. In Regionen mit kurzen Sommern und früh im Herbst auftretenden Bodenfrösten ist die Schabrackenspitzmaus hingegen im Nachteil. Ursache für diese Dominanzvariabilität ist in ihrer Entstehung zu finden: Die Schabrackenspitzmaus entwickelte sich in einem westlichen, die Waldspitzmaus in einem östlichen glazialen Refugium. Durch die lange räumliche Trennung entstanden zwei getrennte Spitzmausarten, welche an unterschiedliche Lebensbedingungen angepasst sind [4].
Für die Schleiereule (Tyto alba) ist die Waldspitzmaus ein bedeutendes Beutetier, deren Anteil in der Gesamtnahrung zwischen 20 – 30 % liegt [2]. Zu ihren weiteren Fressfeinden zählen andere Eulen (Strigiformes), Käuze (Strix), Füchse (Vulpes vulpes), Wildkatzen (Felis silvestris), Hermelin (Mustela erminea) und Mauswiesel (Mustela nivalis). Vergleichsweise wenig wird sie von Greifvögeln, Störchen (Ciconiidae), Graureihern (Ardea cinerea) und Würgern (Laniidae) gefressen [4]. Wie viele Spitzmäuse tatsächlich gejagt werden, hängt oft von der Verfügbarkeit der Feldmäuse (Microtus arvalis) ab [4]. Gelegentlich liegen unversehrte, tote Waldspitzmäuse am Straßenrand, welche von Säugetieren erbeutet wurden, aber aufgrund ihres strengen Geruchs nicht verzehrt werden [7]. Häufig sterben die Tiere auch an harmlosen Krankheiten, die durch Nahrungsmangel und Stress tödlich sein können [7].

[1] Churchfield, S., & Searle, J. B. (2008): Common shrew Sorex araneus. In: Mammals of the British Isles (4. Ausgabe) (Hrsg.: S. Harris & D. W. Yalden). 257-265. The Mammal Society, Southampton.
[2] Hausser, J., Hutterer, R., & Vogel, P. (1990): Sorex araneus Linnaeus, 1758 - Waldspitzmaus. In: Handbuch der Säugetiere Europas: Insektenfresser, Herrentiere  (Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp). Band 3/1 Aula Verlag, Wiesbaden.
[3] Hausser, J. (1995): Sorex araneus (L. 1758). In: Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie  (Hrsg.: J. Hausser). Band 103, 23-27. Birkäuser Verlag, Basel.
[4] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie. Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[5] Kraft, R. (2008): Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag, Stuttgart.
[6] Lugon-Moulin, N. (2003): Les musaraignes: Biologie, écologie, répartition en Suisse. Porte-Plumes Verlag, Ayer.
[7] Turni, H. (2005): Waldspitzmaus Sorex araneus Linnaeus, 1758. In: Die Säugetiere Baden-Württembergs (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). Band 2, 48-55. Ulmer, Stuttgart.
[8] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[9] Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnder, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thiessen, J. B. M., Vohralik, V., & Zima, J. (1999): The atlas of European Mammal. Academic Press, London.
[10] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 13. Austria Medien Service, Graz.
[11] Churchfield, S. (1990): The natural history of shrews. Reihe: The Natural History of Mammals Series (Hrsg. E. Neal). Comstock Publishing, London.
[12] Turni, H., & Müller, E. F. (1996): Unterscheidung der Spitzmausarten Sorex araneus L., 1758 und Sorex coronatus, Millet, 1828 mit Hilfe einer neuen Diskriminanzfunktion. Zeitschrift für Säugetierkunde, 61, 73-92.
[13] Neet, C. R., & Hausser, J. (1991): Biochemical analysis and determination of living individuals of the alpine karyotypic races and species of the Sorex araneus group. Mémoire de la Société Vaudoise Sciences Naturelles, 19, 97-106. >Verfügbar unter SEALS - Server für digitalisierte Zeitschriften
[14] Hausser, J. (1995): Sorex coronatus Millet, 1928. In: Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie (Hrsg.: J. Hausser). Band 103, 28-31. Birkäuser Verlag, Basel.
[15] Turni, H. (2005): Schabrackenspitzmaus Sorex coronatus Millet, 1828. In: Die Säugetiere Baden-Württembergs (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). Band 2, 56-61. Ulmer, Stuttgart.
[16] Churchfield, S., & Searle, J. B. (2008): Millet`s shrew Sorex coronatus. In: Mammals of the British Isles  (Hrsg.: S. Harris & D. W. Yalden). 265-266. The Mammal Society, Southampton.
[17] Lázaro, J., D. K. Dechmann, S. LaPoint, M. Wikelski and M. Hertel (2017).Profound reversible seasonal changes of individual skull size in a mammal. Current Biology 27: R1106-R1107.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Dez. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Waldspitzmaus - Sorex araneus. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.