Schabrackenspitzmaus - Sorex coronatus

Name: Sorex coronatus (Miller, 1828); Schabrackenspitzmaus (D); Millet's Shrew (E)
Internationaler Schutz: Berner Konvention (Anhang III)
Größe: Kopf-Rumpf: 6080 mm; Hinterfuß: 11,514 mm; Schwanz: 3345 mm; Gewicht: 613 g [3].
Fell: Dreifarbig mit deutlich abgegrenzter dunkelbrauner Rückenfärbung (=Schabracke) umgeben von ockerfarbigem Saum [6]; Aber: sehr variable Färbung [3], besonders in der Schweiz häufig ohne Schabracke [5] und auch zweifarbige Tiere mit grauer Flanke und Bauch häufig [6]; selten einfarbig braune Tiere [3].
Augen: Wie bei allen Spitzmäusen klein [6].
Schwanz: An der Oberseite gleiche Färbung wie am Rücken, Unterseite heller [3].
Verbreitung: Endemisch in Europa [10]; Österreich: Vorarlberg (Rheintal) [12]; Deutschland: Westdeutschland [3]; Schweiz: Mittelland häufig und in den Alpen vereinzelt [5]; Mehr Info: GeoMaus-Karte. Die Höhenverbreitung reicht vom Meeresniveau bis 2.200 m [8] mit Schwerpunkt in der planar/kollinen bis submontanen Stufe [12]; in Regionen ohne Waldspitzmaus (Sorex araneus) auch in höheren Lagen häufig [8].
Lebensraum: Vorzugsbiotop: deckungsreiche Habitate mit frisch-feuchten Böden [14]. Reviergrößen variieren mit Jahreszeit, Alter, Lebensraum und betragen bei adulten Männchen 586 m² im Frühjahr und 199 m² im Winter sowie 357 m² bzw. 268 m² bei Weibchen [2]. Populationsdichte in Abhängigkeit von der Lebensraumbeschaffenheit und vom Vorkommen der Waldspitzmaus bis zu 77 Individuen pro Hektar [14].
Lebenserwartung: 1421 Monate [9], selten 2021 Monate [8].
Ähnliche Arten: Die Schabrackenspitzmaus ist auch von erfahrenen Kennern nur mit Hilfe von Schädelmerkmalen (Diskriminanzfunktion nach Turni & Müller, 1996 [13]) und genetischen Untersuchungen eindeutig von der Waldspitzmaus zu unterscheiden [3, 1]. Ein tierschonender Artnachweis kann mit einer elektrophoretischen Trennung des Pepsins aus dem Urin nach Neet & Hauser [11] durchgeführt werden [14]. Tendenziell ist die Schabrackenspitzmaus etwas kleiner, die Schabracke heller, schmaler und schärfer abgegrenzt sowie die Färbung der Flanken heller [3]. In der Schweiz tritt die Schabracke häufiger bei der Wald- als bei der Schabrackenspitzmaus auf, hier ist die Unterscheidung anhand äußerer Merkmalen besonders unsicher [5]. Eine Kreuzung beider Arten ist vorstellbar, ein Hybride konnte bislang nicht gefunden werden. Vermutlich verhindert ein artspezifischer Geruch eine falsche Partnerwahl [14].
Systematik: Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha) → Familie: Spitzmäuse (Soricidae) → Unterfamilie: Rotzahnspitzmäuse (Soricinae) → Stamm: Soricini → Gattung: Eigentliche Rotzahnspitzmäuse (Sorex) → Untergattung (Sorex) - Mehr Informationen -

Die Schabrackenspitzmaus bevorzugt Lebensräumen mit frisch-feuchten Böden und deckungsreichen Strukturen. Dementsprechend häufig kann sie entlang von Uferbereichen, bei Kies- und Schotterfluren sowie auf Brachflächen und Hecken beobachtet werden [2]. Die Schabrackenspitzmaus wird erst seit wenigen Jahrzehnten nicht mehr zur Waldspitzmaus (Sorex araneus) gezählt, sondern als eigene Art betrachtet. Sie ist nur schwer von dieser zu unterscheiden, sodass bis heute ihre Lebensweise zum Teil unbekannt ist [14]. Es wird angenommen, dass sie in vielen Bereichen der Waldspitzmaus ähnelt [1]. Die nacht- und tagaktive Schabrackenspitzmaus besitzt 11 Aktivitätsphasen, welche durchschnittlich 75 Minuten andauern und durch regelmäßige Ruhephasen unterbrochen werden [8]. Außerhalb der Fortpflanzungszeit (Ende Februar bis November [9]) leben Schabrackenspitzmäuse ausgesprochen territorial [14]. Wie bei der Waldspitzmaus findet im Winter eine Gewichtsreduktion (Winterdepression) wesentlicher Organe statt (= Dehnel`s Phänomen) [6]. Diese physiologische Anpassung ist jedoch weniger stark ausgeprägt [5] und variiert je nach Region. Der Stoffwechsel der Schabrackenspitzmaus ist zwar hoch, dürfte aber unter dem der Waldspitzmaus liegen [14]. Entsprechend ihrer unterirdischen Lebensweise ernährt sie sich vorwiegend von unter der Erde lebenden, wirbellosen Tieren [9]. In der Nähe von menschlichen Siedlungen wird sie häufig von der Hausspitzmaus (Crocidura russula) verdrängt. Obwohl sie der Waldspitzmaus körperlich unterlegen ist, gelingt es ihr diese aus klimatisch günstigeren Lebensräumen zu verdrängen [14]. In kälteren Regionen unterliegt sie ihr jedoch [6]. Als Fressfeinde gelten vor allem verschiedene Eulenarten [8].

Lebensraum

Als anpassungsfähige (euryöke) Art bewohnt die Schabrackenspitzmaus eine Vielzahl von Lebensräumen [7], wobei sie meist eine Präferenz zu deckungsreichen Habitaten mit frisch-feuchten Böden zeigt. Entlang von Uferbereichen, Kies- und Schotterfluren, Brachflächen und Hecken kann sie häufig beobachtet werden. Totholz und Hochstauden wie Mädesüß, Kratzdisteln und Brenneseln sind hier bedeutende Lebensraumelemente. Sie ist ebenso in Dünen- und Heidelandschaften von Küstengebieten anzutreffen [2]. Fehlt die Waldspitzmaus gänzlich (Bsp. Spanien), bewohnt die Schabrackenspitzmaus auch Laub-, Misch- und Nadelwälder sowie Bergwiesen häufig [8]. Ausgesprochen trockene und nasse Standorte werden jedoch gemieden [7]. So besiedelt sie zum Beispiel kaum Moore [14] und toleriert keine Gebiete mit anhaltenden Temperaturen von über 30°C Grad [9]. Ebenfalls rar ist sie in Siedlungsnähe, wo sie in direkter Konkurrenz mit der ihr gegenüber dominanten Hausspitzmaus steht. In kultivierten Regionen kann sie meist nur entlang von Bachufern gefunden werden, deren Natürlichkeit ihr noch letzte Biotope bieten. Eine Bindung zu Feuchtigkeit besteht jedoch nicht. Dies zeigt sich besonders durch häufiges Auftreten an trockenen und warmen Standorten [5]. Im Gegensatz zur Waldspitzmaus bevorzugt sie feuchte, anstelle von nassen Böden. Insgesamt ist die Schabrackenspitzmaus mehr an atlantisch geprägtes Klima angepasst, während ihre Konkurrentin kontinentales präferiert [2]. Bei gleichzeitigem Vorkommen leben die beiden Populationen kleinräumig voneinander getrennt [7], wobei die Waldspitzmaus meist bei deckungsreicheren Strukturen zu finden ist [2].

Lebensweise

Aktivität: Wie die Wald- und die Zwergspitzmaus (Sorex minutus) ist die Schabrackenspitzmaus aufgrund ihres hohen Nahrungsbedarfes sowohl nacht- als auch tagaktiv. Stunden der Aktivität werden von regelmäßigen Ruhephasen unterbrochen. In 11 Aktivitätsphasen ist sie pro Tag insgesamt 13 Stunden aktiv, wobei eine Einheit durchschnittlich 75 Minuten (zwischen 1 Minute und 3 Stunden) anhält. Die Ruhezeiten dauern zwischen 77 Minuten und 2 Stunden [9]. Die Schabrackenspitzmaus lebt wie die Waldspitzmaus mehr unterirdisch als die Zwergspitzmaus [8].

Territoriales Verhalten und Reviergröße: Außerhalb der Fortpflanzungszeit leben Schabrackenspitzmäuse ausgesprochen territorial [14]. Im Herbst suchen sich die Jungtiere ein Revier, in welchem sie sich während des Winters aufhalten. Überlappungen einzelner Territorien sind mit rund 8 % gering und nur bei Tieren unterschiedlicher Geschlechter zu beobachten. Ihr Revier grenzt sie mit Kot und Urin ab, wobei Kontaktzonen mit Artgenossen besonders häufig markiert werden. Zur Fortpflanzungszeit gewinnen diese Überschneidungen an enormer Bedeutung [9]. Zur Paarungszeit zeigen nur die Weibchen untereinander ein territoriales Verhalten. Territorien von Männchen sind größer und überlappen Reviere anderer weiblicher und männlicher Tiere [14].

Dehnel-Phänomen: Aus ökonomischen Gründen findet im Winter eine Gewichtsreduktion (Winterdepression) wesentlicher Organe statt (= Dehnel-Phänomen) [6]. Im Gegensatz zur Waldspitzmaus zeigt sich diese physiologische Anpassung bei der Schabrackenspitzmaus weniger stark ausgeprägt [5] und variiert je nach Region. So tritt diese in Nordspanien nicht, in Bonn jedoch deutlich auf. Die Ursache hierfür liegt vermutlich in den günstigeren Umweltbedingungen des atlantisch geprägten Klimas [14].

Fortpflanzung und Populationsbiologie

Die Schabrackenspitzmaus lebt monogam mit Tendenz zur Polygamie. Die Paarungszeit beginnt bereits Ende Februar und dauert bis November [9]. Nach 24 - 25 Tagen [8] werden 3 – 4 Mal im Jahr 2 – 6 Jungtiere geboren [1]. Die Weibchen erreichen ihre Geschlechtsreife im selben Jahr und pflanzen sich noch vor dem Winter im Alter von 6 – 7 Monaten fort. Männchen werden je nach geografischer Region im gleichen oder erst im darauffolgenden Frühjahr geschlechtsreif [9]. Zu Beginn der Fortpflanzungszeit im Februar/März erzeugen die Männchen einen moschusartigen Duft, der sich aus 66 – 104 verschiedenen Substanzen zusammensetzt. Männliche Tiere besuchen die sesshaften Weibchen und es bilden sich für eine gewisse Zeit Paare. In sozialer (nicht genetischer Hinsicht) lebt die Schabrackenspitzmaus ähnlich wie die Hausspitzmaus monogam mit Tendenz zur Polygamie [9].
Der erste Nachwuchs kann im April beobachtet werden. In den folgenden Monaten steigt die Population rasch an [9] und ab Juni dominieren Jungtiere. Adulte Tiere nehmen danach stetig ab und bereits im frühen Winter setzt sich die Population fast ausschließlich aus diesjährigen Schabrackenspitzmäusen zusammen. Die Populationsdichte beträgt in Abhängigkeit von der Lebensraumbeschaffenheit und vom Vorkommen der Waldspitzmaus bis zu 77 Individuen pro Hektar [14]. Im Kanton Clarmont in der Schweiz wurde über mehrere Jahre hinweg eine Dichte von 10 Individuen pro Hektar beobachtet [9].

Nahrung

Der Energiebedarf beträgt bei 20 °C Umgebungstemperatur 4,0 KJ pro Gramm Körpergewicht [4]. Entsprechend ihrer unterirdischen Lebensweise ernährt sie sich vorwiegend von unter der Erde lebenden, wirbellosen Tieren. Ihre bevorzugten Beutetiere sind Larven der Ordnung Diptere (Zweiflügler), Schnecken und Tausendfüßler. In geringerem Ausmaß frisst sie auch Asseln, Milben, Spinnen, Pseudoskorpione, Weberknechte, Käfer [9] und Regenwürmer [3]. Gelegentlich verzehrt sie kleine Wirbeltiere und pflanzliche Nahrung [8].

Konkurrenz und Feinde

In der Nähe von menschlichen Siedlungen wird sie häufig von der Hausspitzmaus verdrängt. Obwohl sie der Waldspitzmaus körperlich unterlegen ist, gelingt es ihr diese aus klimatisch günstigeren Lebensräumen zu verdrängen. Ihre Fortpflanzung erweist sich hier als reproduktiver und führt zu höheren Populationsdichten [14]. In Regionen mit kurzen Sommern und früh im Herbst auftretenden Bodenfrösten ist die Schabrakenspitzmaus hingegen im Nachteil. Ursache für diese Dominanzvariabilität ist in ihrer Entstehung zu finden: Die Schabrackenspitzmaus entwickelte sich in einem westlichen, die Waldspitzmaus in einem östlichen glazialen Refugium. Durch die lange räumliche Trennung entstanden zwei getrennte Spitzmausarten, welche an unterschiedliche Lebensbedingungen angepasst sind. [6].
Als Fressfeinde gelten vor allem Eulen, insbesondere die Schleiereule (Tyto alba) [3], der Waldkauz (Strix aluco), Uhu (Bubo bubo) und die Waldohreule (Asio otus) [8]. Zudem werden Schabrackenspitzmäuse von Iltissen (Mustela putorius), Mardern (Mustelidae) und  Füchsen (Vulpes vulpes) gefressen [3].

[1] Broggi, M. F., Camenisch, D., Fasel, M., Güttinger, R., Hoch, S., Müller, J. P., Niederklopfer, P., & Staub, R. (2011): Die Säugetiere des Fürstentums Lichtenstein. (Mammalia). Reihe: Naturkundliche Forschung im Fürstentum Liechtenstein Band 28 (Hrsg. Regierung des Fürstentums Liechtenstein). Amtlicher Lehrmittelverlag, Vaduz.
[2] Churchfield, S., & Searle, J. B. (2008): Millet`s shrew Sorex coronatus. In: Mammals of the British Isles  (Hrsg.: S. Harris & D. W. Yalden). 265-266. The Mammal Society, Southampton.
[3] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[4] Hausser, J. (1990): Sorex coronatus Millet, 1882 - Schabrackenspitzmaus. In: Handbuch der Säugetiere Europas: Insektenfresser, Herrentiere  (Hrsg.: J. Niethammer & F. Krapp). Band 3/1, 279-286. Aula Verlag, Wiesbaden.
[5] Hausser, J. (1995): Sorex coronatus Millet, 1928. In: Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie (Hrsg.: J. Hausser). Band 103, 28-31. Birkäuser Verlag, Basel.
[6] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie. Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[7] Kraft, R. (2008): Mäuse und Spitzmäuse in Bayern: Verbreitung, Lebensraum, Bestandssituation. Ulmer Verlag, Stuttgart.
[8] López-Fuster, J. (2007): Sorex coronatus Millet, 1828. Atlas y Libro Rojo de los Mamíferos Terrestres de España, 105-107.
[9] Lugon-Moulin, N. (2003): Les musaraignes: Biologie, écologie, répartition en Suisse. Porte-Plumes Verlag, Ayer.
[10] Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnder, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thiessen, J. B. M., Vohralik, V., & Zima, J. (1999): The atlas of European Mammal. Academic Press, London.
[11] Neet, C. R., & Hausser, J. (1991): Biochemical analysis and determination of living individuals of the alpine karyotypic races and species of the Sorex araneus group. Mémoire de la Société Vaudoise Sciences Naturelles, 19, 97-106. >Verfügbar unter SEALS - Server für digitalisierte Zeitschriften
[12] Spitzenberger, F. (2001): Die Säugetierfauna Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 13. Austria Medien Service, Graz.
[13] Turni, H., & Müller, E. F. (1996): Unterscheidung der Spitzmausarten Sorex araneus L., 1758 und Sorex coronatus, Millet, 1828 mit Hilfe einer neuen Diskriminanzfunktion. Zeitschrift für Säugetierkunde, 61, 73-92.
[14] Turni, H. (2005): Schabrackenspitzmaus Sorex coronatus Millet, 1828. In: Die Säugetiere Baden-Württembergs (Hrsg.: M. Braun & F. Dieterlen). Band 2, 56-61. Ulmer, Stuttgart.

Autoren: Dr. Christine Blatt & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Jun. 2017)
Zitiervorschlag: Blatt, C. & Resch, S. (2017): Schabrackenspitzmaus - Sorex coronatus. In: Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. kleinsaeuger.at, Salzburg.