Ostschermaus - Arvicola amphibius

Name: Arvicola amphibius, Linnaeus, 1758 (veraltet: A. terrestris, A. t. amphibius, A. t. italicus); Ostschermaus (D); Eurasian Water Vole (E)
Internationaler Schutz: international nicht geschützt
Größe: Kopf-Rumpf: 150–190 mm; Hinterfuß: 28–32 mm; Schwanz: 80–120 mm, Gewicht: 100–250 g [2]
Fell:
Die Fellfärbung ist in Abhängigkeit von der geographischen Verbreitung sehr variabel [4]; häufig braun-schwarzer Rücken und grau-beige Unterseite [2]
Ohren: Ohren im Fell verborgen [4], gelegentlich rötlichbraune Fellfärbung um die Ohren [5]
Schwanz:
Für Wühlmäuse verhältnismäßig lang und kurz behaart [1], gelegentlich weiße Spitze [5]
Verbreitung: in ganz Österreich, Deutschland und der Schweiz verbreitet; Mehr Info: GeoMaus-Karte.
Lebensraum: am Land auf permanente Grünflächen mit tiefgründigen und steinlosen Böden (Bsp. Wiesen und Wedsen); am Wasser lebend ist sie häufig an Ufern von Gräben, Bächen, Flüssen und in Sümpfen anzutreffen.
Lebenserwartung: weniger als 1 Jahr (im Mittel 5 Monate), in Gefangenschaft 5 Jahre [3]
Ähnliche Arten: Nach dem eingeschleppten Bisam sind Schermäuse Arvicola die größten bei uns vorkommenden Wühlmäuse [1], adulte Tiere können daher gut erkannt werden.
Im Gegensatz zu Maulwurfshügeln liegen die Eingänge bei Schermaushügeln immer seitlich, zum Informationsblatt: Schermaus oder Maulwurf?
Sytematik: Ordnung: Nagetiere (Rodentia) → Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha) → Überfamilie: Mäuseartige (Muroirdea) → Familie: Hamster- und Wühlmausartige (Cricetidae) → Unterfamilie: Wühlmäuse und Lemminge (Arvicolinae) → Gattung Schermäuse (Arvicola)

Systematik

Die Systematik der Schermäuse (Arvicola) und damit die Anzahl der Arten in Österreich ist umstritten (Wilson & Reeder 2005, Grimmberger 2017). Nach genetischen Untersuchungen werden hier die Unterarten A. terrestris amphibius und A. terrestris scherman der Ostschermaus A. terrestris als eigenständige Arten angesehen: Bergschermaus A. scherman (Shaw, 1801) und Wasserschermaus A. amphibius (Linnaeus, 1758). Als problematisch bei dieser Trennung gilt, dass sich die Tiere fruchtbar miteinander kreuzen. Kleinere Tiere mit weichem Fell und nach vorne gerichteten Schneidezähnen (inkl. größerem Krümmungsradius) werden tendenziell der Bergschermaus zugeordnet, eindeutige morphologische Unterscheidungsmerkmale fehlen jedoch. Aufgrund dieser Unstimmigkeiten und der Ansicht von Wilson et al. 2017 folgend, dass es sich um zwei Ökotypen handelt, wird in diesem Text die Ostschermaus A. amphibius (Syn. A. terrestris) behandelt, wobei auf die unterschiedlichen Lebensweisen eingegangen wird.

Lebensraum

An Land lebend ist sie auf Wiesen, Weiden und in Gärten anzutreffen. Sie bevorzugt permanente Grünflächen mit tiefgründigen und steinlosen Böden, wie sie oft in Obstgärten zu finden sind. In der Agrarlandschaft kann sie auf Flächen mit Gemüseanbau angetroffen werden, intensiv genutzte Äcker werden hingegen gemieden. Hier stellen Straßengräben und Feldraine wichtige Rückzugsräume dar. Am Wasser lebend ist sie häufig an Ufern von Gräben, Bächen, Flüssen und in Sümpfen anzutreffen. Zur Anlage ihrer Baue präferiert sie lehmige und sandige Uferstrukturen, zudem bevorzugt sie langsam fließende Abschnitte.

Lebensweise

Aktivität und Fortbewegung: Schermäuse sind sowohl tag- als auch nachtaktiv und zeigen einen zirkadianen Rhythmus mit mehreren Ruhe- und Aktivitätsphasen innerhalb eines Tages. Ihre Wachphasen dauern im Sommer mit 12 Stunden doppelt so lange als wie im Winter. An Land leben Schermäuse unterirdisch und erscheinen nur selten an der Erdoberfläche, sie können aber gelegentlich beim Aufsuchen neuer Reviere oder bei der Reparatur eines offenen Ganges beobachtet werden. Im Gegensatz dazu sind am Wasserufer lebende Tiere häufiger außerhalb ihres Baues anzutreffen, wo sie regelmäßig im Wasser schwimmen oder sich entlang von Laufwegen bewegen.  Mit beweglichen Beinen und Zehen, dem langen Schwanz und dem verlängerten Gesichtsschädel besitzen Schermäuse einen gut an die Fortbewegung im Wasser angepassten Bewegungsapparat. Zudem schließt ihr dichtes, gut eingefettetes Fell Luftblasen ein, was ihr Gewicht unter Wasser reduziert. Zum Tauchen verwendet sie nur die Hinterfüße, beim Schwimmen an der Oberfläche werden alle 4 Pfoten genutzt. Tauchgänge zwischen 30 - 90 Sekunden sind üblich.

Territoriales Verhalten und Revier: Bei der am Land lebenden Schermaus kann das Territorium eines Männchens im Gebiet mehrerer Weibchen liegen, was vor allem bei hohen Populationsdichten zu komplexen sozialen Strukturen führt. An der Oberfläche umfasst ihr Revier 100–200 m², wobei das der Männchen in der Regel großflächiger ist als jenes der Weibchen. Im Sommer wandern die Jungtiere über lange Distanzen ab. Eine zweite Dispersion im Herbst zu ihren Winterquartieren kann durch landwirtschaftliche Aktivitäten in der Umgebung ausgelöst werden. Ansonsten legen Schermäuse nur kurze Strecken von 30–60 m zurück. Im Allgemeinen wandern Männchen häufiger und weiter als ihre weiblichen Artgenossen.
Am Wasser verläuft das Revier parallel zum Gewässer, wobei sie von diesem nur selten mehr als 2–3 m entfernt anzutreffen ist. Entlang kleiner Bäche werden beide Uferseiten genutzt, bei großen Gewässern nur eine. Ihre Aktivität um den Bau beschränkt sich auf 50–110 m (Männchen) und 25-50 m (Weibchen).

 

Bau: Im Gegensatz zum Maulwurf lockert die Schermaus die Erde mit ihren Zähnen. Gelockertes Material scharrt sie mit den Vorderpfoten nach hinten und schiebt es mit dem Kopf zum Ausgang. Durch diese Technik werden die Erdhaufen von Schermäusen flacher als die hoch aufgetürmten Maulwurfshügel und der Eingang befindet sich seitlich und nicht in der Mitte. Im Umkreis kann die Vegetation aufgrund des Wurzelfraßes Kahlstellen aufweisen. Zum Informationsblatt: Maulwurf oder Schermaus?

An Land können tiefreichende und mit einer Gesamtlänge von 10-90 m (meist 50 m) weit ausgedehnte Baue beobachtet werden. Sie bestehen aus mehreren Vorratskammern, einer Nesthöhle und einer Latrine. Die Kammern sind mit Laufwegen zur Nahrungssuche und tiefliegenden (bis zu 1 m, meist 40 cm), kurzen Gängen verbunden. Ein beschädigter Tunnelteil wird von der Schermaus innerhalb von etwa 2–6 Stunden repariert, indem sie die Öffnung mit einem großen Erdklumpen verschließt. In Bergregionen legt sie ihre Baue häufig oberflächennah an, da hier im Winter der Schnee für zusätzliche Wärmeisolation sorgt. Zur Jungenaufzucht befinden sich in ihrem Bau 1–2 runde, 15 cm breite Nester.

Am Ufer von Gewässern sind die Baue häufig einfache, kurze Gänge, die in einer Kammer enden. Zum Schutz vor Hochwasser befindet sich das aus Seggen- und Schilfhalmen bestehende Nest in ausreichender Höhe oder es wird oberirdisch in dichter Vegetation angelegt. Die am Ufer gelegenen Baue können gut an ihren Ausgängen erkannt werden. Zusätzlich verraten die an der Erdoberfläche befindliche Fraß- und Kotplätze sowie 4–5 cm breite Laufwege ihre Anwesenheit.

Fortpflanzung und Population

Die Fortpflanzungszeit der Ostschermaus dauert von März bis Oktober. Nach einer Tragzeit von 20–23 Tagen werden 5–6 Junge geboren. Da die Weibchen bereits mit anderthalb bis 2 Monaten geschlechtsreif werden und 4 –5 Würfe üblich sind, ist ihre Nachkommenanzahl mit bis zu 20-28 Jungtieren sehr hoch. Ein erhöhter Anteil an Pflanzen mit hohem Wassergehalt in der Nahrung beeinflusst dabei die Reproduktionsrate positiv. Besonders im Kulturland neigen Schermäuse zu zyklischen Massenvermehrungen alle 5-8 Jahre mit Populationsdichten von bis zu 1.000 Individuen pro Hektar.

Nahrung

Die Schermaus besitzt einen schnellen Stoffwechsel und hat daher nicht nur einen hohen Wasserbedarf, sondern muss pro Tag bis zu 100 % ihres eigenen Körpergewichts in Form von Nahrung zu sich nehmen. An Land lebend ernährt sie sich vorwiegend von unterirdischen Pflanzenteilen wie Wurzeln, Knollen und Blumenzwiebeln, welche vom Gang ausgehend nach unten gezogen werden. Bei ausreichender Deckung nutzt sie auch Fraßplätze an der Oberfläche. Die Nahrung sammelt sie in eigenen Kammern, welche sich in der Nähe des Nests befinden. Die Größe der Vorratskammern variiert: Sie erreichen manchmal ein Volumen von bis zu 10 Litern und können mehr als 30 verschiedene Pflanzenarten beinhalten. Bei allgemein hohen Populationsdichten ist sie auch auf bewirtschafteten Flächen zu finden, wo sie Feldfrüchte (vorwiegend Karotten, Rüben und Lauch) oder in Obstgärten die Wurzeln von Bäumen frisst. Am Wasser lebend ernährt sie sich von Röhrichten und Wasserpflanzen mit markreichen Stängeln wie Schilf und Rohrkolben. Begehrt sind auch im Wachstum befindlichen Teile (Meristeme), sodass der Fraßplatz häufig mit übrig gebliebenen Halmen übersät ist. Tierische Nahrung in Form von Insekten, Schnecken, Krebsen und kleinen Fischen werden nur selten und überwiegend von trächtigen Weibchen gefressen.

Konkurrenz und Feinde

Ihren Lebensraum teilt die Schermaus häufig mit den kleineren Feldmäusen (Microtus arvalis) und Erdmäusen (M. agrestis). Bei hohen Populationsdichten dieser beiden Wühlmausarten ist von einer Konkurrenzsituation auszugehen. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Nahrungsansprüchen dürfte die Konkurrenz mit dem Maulwurf (Talpa europaea) gering sein.
Der größte Feind der Bergschermaus ist das Hermelin (Mustela erminea), welches in die Gänge der Tiere eindringt. Daneben wird sie häufig von Taggreifvögel, Eulen (Strigiformes), Mauswiesel (Mustela nivalis), Fuchs (Vulpes vulpes) und Hauskatze (Felis silvestris) erbeutet.

Gefährdung und Schutz

Mit dem Schwinden von permanenten Wiesen wird ihr Vorkommen in niederen Lagen stark eingeschränkt und die Populationsdichten nehmen durch zunehmende Beweidung, Mahd und gesteigerte Bodenbearbeitungshäufigkeit und -tiefe ab. In der Agrarlandschaft werden Schermäuse gezielt bekämpft. Mit Hilfe von ökologischen Maßnahmen, wie der Erhöhung der Struktur- und Artenvielfalt, können Schäden von Wühlmäusen im Kulturland meist erfolgreich verhindert werden. In West-Europa, besonders in Italien und Großbritannien, gehen die Bestände der am Wasser lebenden Schermaus mit der Ausbreitung des eingeführten Amerikanischen Nerz zurück. Die Regulierung von Flüssen und die Trockenlegung von Sümpfen durch Drainagemaßnahmen führten in den vergangenen Jahrzehnten zum Verlust geeigneter Habitate am Wasser. In einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion werden Schermäuse aufgrund ihres Felles gejagt. Im Ökosystem nehmen sie eine bedeutende Rolle ein. Sie nicht nur eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele kleine und mittlere Raubtiere und stellen mit ihrer Grab- und Weidetätigkeit ein entscheidendes Bindeglied im Nährstoffkreislauf dar.

[1] Jenrich, J., Löhr, P.-W., & Müller, F. (2010): Kleinsäuger: Körper- und Schädelmerkmale, Ökologie Reihe: Beiträge zur Naturkunde in Osthessen (Hrsg. Verein für Naturkunde in Osthessen e.V.). Michael Imhof Verlag, Fulda.
[2] Meylan, A., & Saucy, F. (1995): Arvicola terrestris italicus (Savi., 1839) - Wasserbewohnende Form. In Die Säugetiere der Schweiz: Verbreitung, Biologie und Ökologie. Hrsg.: J. Hausser, Band 103, S. 310-313. Birkäuser Verlag, Basel.
[3] Oliphant, M. (2003): Arvicola amphibius Eurasian water vole. Animal Diversity Web. University of Michigan, Michigan.
[4] Quéré, J. P., & Le Louarn, H. (2011): Les rongeurs de France: Faunistique et biologie. Editions Quae, Versailles.
[5] Grimmberger, E. (2014): Die Säugetiere Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
[6] Strachan, R., Moorhouse, T., & Gelling, M. (2011): Water vole conservation handbook. The Wildlife Conservation Research Unit, Oxford.
[7] Wilson, D. E., & Reeder, D. M. (2005): Mammal species of the world - A taxonomic and geographic reference: Order Rodentia (3.Auflage). Johns Hopkins University Press, Baltimore.
[8] Woodroffe, G. L., Lambin, X., & Strachan, R. (2008): Arvicola terrestris. In Mammals of the British Isles (4. Ausgabe). Hrsg.: S. Harris & D. W. Yalden, S. 110-117. The Mammal Society, Southampton.
[9] Haupt, H., Ludwig, G., Gruttke, H., Binot-Hafke, M., Otto, C. & Pauly, A. (Hersg.) (2009): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 1: Wirbeltiere. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.
[10] Wilson, D.E., Lacher, T.E. & Mittermeier, R.A. (Eds., 2017): Handbook of the mammals of the world. Vol. 7, Rodents 2. Lynx Edicions, Barcelona.
[11] Grimmberger, E. & Rudloff, K. (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlags GmbH, Münster.

Autoren: Dr. Christine Resch & Dr. Stefan Resch (letzte Änderung im Dez. 2020)
Zitiervorschlag: Resch, C. & Resch, S. (2020): Ostschermaus - Arvicola amphibius. In: kleinsaeuger.at - Internethandbuch über Kleinsäugerarten im mitteleuropäischen Raum: Körpermerkmale, Ökologie und Verbreitung. apodemus - Priv. Institut f. Wildtierbiologie, Haus im Ennstal.